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	<title>Thüringen &#8211; Deutsche Sagen-Sammlung</title>
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	<description>Die Sagas und Epen aus den deutschen Ländern</description>
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		<title>Die Frau von Weissenburg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 18:11:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Thüringen]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich IV. von Goseck]]></category>
		<category><![CDATA[Ludwig der Springer]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Volkslied von der „Frauen von Weissenburg“ ist weit mehr als eine bloße Moralerzählung; es basiert auf einem der spektakulärsten Kriminalfälle des deutschen Hochmittelalters. Hinter den Versen verbirgt sich der reale Mord an Pfalzgraf Friedrich IV. von Goseck (auch Friedrich von Putelendorf genannt), der sich am 20. März 1125 ereignete. Dieses Ereignis erschütterte den sächsisch-thüringischen ... <p class="read-more-container"><a title="Die Frau von Weissenburg" class="read-more button" href="https://www.deutschesagen.de/die-frau-von-weissenburg/#more-798" aria-label="Mehr Informationen über Die Frau von Weissenburg">Continue</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Das Volkslied von der „Frauen von Weissenburg“ ist weit mehr als eine bloße Moralerzählung; es basiert auf einem der spektakulärsten Kriminalfälle des deutschen Hochmittelalters. Hinter den Versen verbirgt sich der reale Mord an <strong>Pfalzgraf Friedrich IV. von Goseck</strong> (auch Friedrich von Putelendorf genannt), der sich am 20. März 1125 ereignete. Dieses Ereignis erschütterte den sächsisch-thüringischen Raum tiefgreifend und wurde über Jahrhunderte hinweg in Chroniken und Liedern verarbeitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kern der Geschichte ist ein klassisches Dreiecksverhältnis aus Macht, Liebe und Verrat. Der Pfalzgraf Friedrich IV. war ein einflussreicher Adliger, der unter anderem die <strong>Weißenburg</strong> an der Unstrut besaß. Sein Gegenspieler war der ehrgeizige thüringische Landgraf <strong>Ludwig der Springer</strong>, der ein Verhältnis mit Friedrichs Ehefrau, <strong>Adelheid von Stade</strong>, unterhielt. Um den Weg für eine Ehe und die Vereinigung ihrer Machtbereiche frei zu machen, schmiedeten die Liebhaber ein Komplott.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Historische Quellen wie die <em>Cronica Reinhardsbrunnensis</em> bestätigen, dass Ludwig der Springer den Pfalzgrafen während eines Jagdausflugs in der Nähe von Zscheiplitz (unweit der Weißenburg) überfiel. Gemeinsam mit seinen Helfern erstach er den Pfalzgrafen mit Jagdspießen. Anders als im Lied, das Ludwigs Reue und die Zurückweisung der Frau betont, heiratete der Landgraf die Witwe Adelheid in der Realität tatsächlich. Diese Verbindung legte den Grundstein für den massiven Aufstieg der Ludowinger-Dynastie in Thüringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der von dir zitierten Fassung aus Brotuffs Marsburger Chronik wird die Geschichte moralisch zugespitzt. Während die historische Adelheid gemeinsam mit Ludwig die Herrschaft festigte, stellt das Lied sie als die „falsche Frau“ dar, die am Ende an ihrer eigenen Tat verzweifelt. Auch das Motiv der Armbrust und der Szene unter der Linde sind typische poetische Ausschmückungen, die den Mord dramatischer gestalten sollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders interessant ist das Ende des Liedes: Der Mörder Ludwig erkennt plötzlich die Sündhaftigkeit der Tat und weist das „veracht gewonnene Gold“ (den Ring) zurück. Dies spiegelt die spätere Legendenbildung wider, nach der Ludwig schwere Buße für den Mord leisten musste. Tatsächlich wurde er für die Tat gefangen gesetzt und entkam der Überlieferung nach nur durch einen kühnen Sprung von der Burg Giebichenstein in die Saale – was ihm seinen berühmten Beinamen „der Springer“ einbrachte. Zur Sühne stiftete er zudem das bedeutende Kloster Reinhardsbrunn.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Frau von Weissenburg</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Aus Meißner&#8217;s und Canzler&#8217;s Quartalschrift für ältere Literatur. II. S. 102. Brotuff&#8217;s Marsburger Chronik.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Was wolln wir aber singen,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was wollt ihr für ein Lied,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Lied von der Frauen von Weissenburg,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie sie ihren Herrn verrieth.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ließ ein Briefelein schreiben,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gar fern ins&nbsp;Thüringer&nbsp;Land,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu ihrem Ludewig Buhlen,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daß er da käm zur Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Er sprach zu seinem Knechte:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Du, sattel mir mein Pferd,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir wollen zur Weissenburg reiten,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist nun Reitens werth.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">»Gott grüs euch Adelheid schöne,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wünsch euch ein guten Tag:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wo ist eur edler Herre,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem ich kämpfen mag?«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau lenkt ihren Herren,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Schein falsches Gemüths,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er reitet Nachts ganz späte</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Hunden nach dem Ried.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da Ludewig unter die Linde kam,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja unter die Linde so grün,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da kam der Herr von der Weissenburg</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit seinen Winden so kühn.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">»Willkommen Herr von der Weissenburg,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gott geb euch guten Muth,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr sollt nicht länger leben,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn heut diesen halben Tag.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">»Soll ich nicht länger leben,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn diesen halben Tag,</p>



<p class="wp-block-paragraph">So klag ichs Christo vom Himmel,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der all Ding wenden mag.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie kamen hart zusammen,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Wort und Zorn so groß,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daß einer zu dem andern</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Armbrust abe schoß.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Er sprach zu seinem Knechte:</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Nun spann dein Armbrust ein,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und schieß den Herrn von der Weissenburg</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur linken Seiten ein.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">»Warum soll ich ihn schießen,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und morden auf dem Plan,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hat er mir doch sein Lebelang,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch nie kein Leid gethan.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da nahm Ludewig den Jägerspieß</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selber in seine Hand,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Durchrannt&#8216; den Pfalzgraf Friederich,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter der Linden zur Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Er sprach zu seinem Knechte:</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Reiten wir zur Weissenburg,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da sind wir wohl gehalten,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach unserm Herz und Muth.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da er nun gegen die Weissenburg kam,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wohl unter das hohe Haus,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da sah die falsche Fraue,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Freuden zum Fenster aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">»Gott grüs euch, edle Fraue,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bescher euch Glück und Heil,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eur Will, der ist ergangen,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Todt habt ihr euren Gemahl.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">»Ist denn mein Will ergangen,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein edler Herre todt,</p>



<p class="wp-block-paragraph">So will ichs nicht eher glauben,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seh denn sein Blut so roth.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Er zog aus seiner Scheiden,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Schwerdt von Blut so roth;</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Sieh da, du edle Fraue,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Zeichen von seinem Tod.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie rang ihr weisse Hände,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rauft aus ihr gelbes Haar:</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Hülfreicher Christ vom Himmel,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was hab ich nun gethan!«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie zog von ihrem Finger,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Ringelein von Gold:</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Nimm hin, du Ludewig Buhle,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gedenk da meiner Huld.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">»Was soll mir doch das Fingerlein,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das veracht gewonnen Gold,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich daran gedenke,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Herz wird nimmer hold.«</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Des erschrack die Frau von der Weissenburg,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Faßt einen traurigen Muth:</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Verlaß mich holder Fürste nicht,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein edler Herr ist todt.«</p>
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		<title>Childerich und Basina</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 18:00:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Thüringen]]></category>
		<category><![CDATA[Basina]]></category>
		<category><![CDATA[Childerich]]></category>
		<category><![CDATA[Franken]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Erzählung über Childerich I. und die thüringische Prinzessin Basina stellt eine faszinierende Mischung aus belegbarer Geschichte und politischer Mythenbildung des Frühmittelalters dar. Wenn man die Sage auf ihren historischen Kern hin untersucht, stößt man auf eine Zeit des Umbruchs im 5. Jahrhundert, in der das römische Gallien langsam in die Hände der fränkischen Kleinkönige ... <p class="read-more-container"><a title="Childerich und Basina" class="read-more button" href="https://www.deutschesagen.de/childerich-und-basina/#more-794" aria-label="Mehr Informationen über Childerich und Basina">Continue</a></p>]]></description>
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<h4 class="wp-block-heading">Die Erzählung über Childerich I. und die thüringische Prinzessin Basina stellt eine faszinierende Mischung aus belegbarer Geschichte und politischer Mythenbildung des Frühmittelalters dar. Wenn man die Sage auf ihren historischen Kern hin untersucht, stößt man auf eine Zeit des Umbruchs im 5. Jahrhundert, in der das römische Gallien langsam in die Hände der fränkischen Kleinkönige überging.</h4>



<h3 class="wp-block-heading">Der gesicherte historische Kern</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hauptfiguren dieser Geschichte sind zweifelsfrei historisch. <strong>Childerich I.</strong> regierte etwa von 457 bis 481 oder 482 nach Christus als Kleinkönig der Salfranken. Seine historische Existenz wurde im Jahr 1653 eindrucksvoll bestätigt, als man in Tournai sein Grab entdeckte. Darin fand man neben einer großen Menge Gold und kostbarer Waffen auch einen Siegelring mit der Aufschrift <em>Childirici Regis</em>, was ihn eindeutig als einen mächtigen Kriegsherrn und Verbündeten Roms ausweist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch sein Gegenspieler <strong>Aegidius</strong> ist historisch belegt. Er war ein römischer Feldherr (Magister militum), der nach dem Zusammenbruch der Zentralmacht in Italien ein gallo-römisches Sonderreich von Soissons aus beherrschte. Dass die Franken ihn zeitweise als Anführer akzeptierten oder er sie militärisch unterwarf, gilt in der Forschung als sehr plausibel, da die Machtverhältnisse zwischen Franken und Römern in dieser Übergangsphase fließend waren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Exil und Legende</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Episode von Childerichs Flucht nach Thüringen findet sich erstmals beim Chronisten <strong>Gregor von Tours</strong> im späten 6. Jahrhundert. Es ist historisch durchaus wahrscheinlich, dass Childerich aufgrund innerer Unruhen oder militärischer Niederlagen gegen Aegidius zu den Thüringern floh, die damals eine bedeutende Macht im Osten darstellten. Die Gestalt der <strong>Basina</strong> ist ebenfalls historisch greifbar: Sie war die Mutter von Chlodwig I., dem eigentlichen Begründer des Frankenreiches. Dass sie eine thüringische Adlige war, die ihren ersten Ehemann verließ, um sich dem aufstrebenden Childerich anzuschließen, wird von den frühen Quellen einhellig berichtet, auch wenn die romantische Ausgestaltung dieser Flucht sicher legendäre Züge trägt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Literarische Motive und politische Symbolik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Völlig im Bereich der Sage bewegen sich hingegen die Details der Rückkehr und die prophetischen Visionen. Das Motiv des <strong>geteilten Goldrings</strong> ist ein klassisches Erzählelement, das in der Literatur oft genutzt wird, um die Treue zwischen einem vertriebenen Herrscher und seinem verbliebenen Gefolgsmann (hier Winomadus) zu versinnbildlichen. Es gibt dafür keine zeitgenössischen Beweise; es diente vielmehr dazu, die Rückkehr des Königs als eine fast zwangsläufige, schicksalhafte Heimkehr darzustellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders deutlich wird die politische Absicht bei der <strong>Vision der wilden Tiere</strong>. Diese Geschichte wurde erst Generationen später niedergeschrieben, als die Merowinger-Dynastie bereits ihren Zenit überschritten hatte. Die Tiere – vom stolzen Löwen (Chlodwig) über die raubgierigen Wölfe (seine zerstrittenen Söhne) bis hin zu den feigen Hunden – sind eine nachträgliche Deutung der fränkischen Geschichte. Die Chronisten nutzten diese Prophezeiung, um den Aufstieg und den späteren Verfall des Herrscherhauses als göttliche oder schicksalhafte Vorsehung zu legitimieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Text einen realen Machtkampf des 5. Jahrhunderts beschreibt, der jedoch mit den Mitteln der germanischen Heldensage und der christlichen Geschichtsdeutung ausgeschmückt wurde, um die Merowinger als ein gottgewolltes und besonderes Geschlecht zu verankern.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die originale Sage von Childerich und Basina (Gebrüder Grimm)</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Childerich, Merowigs Sohn, hub an übel zu regieren und die Töchter der Edeln zu mißbrauchen; da warfen ihn die Franken vom Thron herab. Landflüchtig wandte er sich zu Bissinus, König der Thüringer, und fand bei ihm Schutz und ehrenvollen Aufenthalt lange Zeit hindurch. Er hatte aber unter den edelsten Franken einen vertrauten Freund gehabt, Winomadus mit Namen, der ihm, als er noch regierte, in allen Dingen riet und beistand. Dieser war auch zur Zeit, da der König aus dem Reiche vertrieben wurde, der Meinung gewesen, Childerich müsse sich notwendig entfernen und erwarten, daß sich allmählich sein übler Ruf in der Abwesenheit mindere; wogegen er sorgsam die Gemüter der Franken stets erforschen und wieder zu ihm hinlenken wolle. Zugleich nahm Winomad seinen Ring und teilte ihn in zwei Hälften, die eine gab er dem König und sprach: »Wenn ich dir die andere sende und beide Teile ineinanderpassen, so soll es dir ein Zeichen sein, daß dir die Franken wieder versöhnt sind, und dann säume nicht, in dein Vaterland zurückzukehren.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unterdessen wählten sich die Franken Ägidius, den Römer, zu ihrem König. Winomadus verstellte sein Herz und wurde bald dessen Vertrauter. Darauf beredete er ihn, nicht nur das Volk mit schweren Abgaben zu belasten, sondern selbst einige der Mächtigsten im Lande hinzurichten; dazu wählte aber Winomad klüglich gerade Childerichs Feinde aus. Die Franken wurden durch solche Grausamkeiten bald von Ägidius abgewandt, und es kam dahin, daß sie bereuten, ihren eingeborenen Herrn verwiesen zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da sandte Winomad einen Boten mit dem halben Goldring nach Thüringen ab, von woher Childerich schnell wiederkehrte, sich allerwärts Volk sammelte und den Ägidius überwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie nun der König in Ruhe sein Reich beherrschte, machte sich Basina, des thüringischen Königs Bissinus Weib, auf, verließ ihren Gemahl und zog zu Childerich, mit dem sie, als er sich dort aufhielt, in vertrauter Liebe gelebt hatte. Dem Childerich sagte sie, kein Hindernis und keine Beschwerde habe sie abhalten können, ihn aufzusuchen; denn sie vermöge keinen Würdigern in der ganzen Welt zu finden als ihn. Childerich aber, der Wohltat, die ihm Bissinus erwiesen, vergessen, weil er ein Heide war, nahm Basina bei Lebzeiten ihres ersten Gemahls zur Ehe. In der Hochzeitnacht nun geschah es, daß Basina den König von der ehelichen Umarmung zurückwies, ihn hinaus vor die Türe der Königsburg treten und, was er da sehen werde, ihr hinterbringen hieß. Childerich folgte ihren Worten und sah vor dem Tore große wilde Tiere, Parder, Einhörner und Löwen, wandeln. Erschrocken eilte er zu seiner Gemahlin zurück und verkündigte ihr alles. Sie ermahnte ihn, ohne Sorge zu sein und zum zweitenmal hinauszugehen. Da sah der König Bären und Wölfe wandeln und hinterbrachte es der Königin, die ihn auch zum drittenmal hinaussandte. Dieses drittemal erblickte er Hunde und kleinere Tiere, die sich untereinander zerrissen. Staunend stieg er ins Ehebett zurück, erzählte alles und verlangte von seiner weisen Frau Auslegung, was diese Wunder bedeuteten. Basina hieß den König die Nacht keusch und enthaltsam zubringen, bei anbrechendem Tag solle er alles erfahren. Nach Sonnenaufgang sagte sie ihm: »Dies bezeichnet zukünftige Dinge und unsere Nachkommen. Unser erster Sohn wird mächtig und stark gleich einem Löwen oder Einhorn werden, seine Kinder raubgierig und frech wie Wölfe und Bären; deren Nachkommen und die Letzten aus unserm Geschlecht feig wie die Hunde. Aber das kleine Getier, was du gesehen hast sich untereinander zerreißen, bedeutet das Volk, welches sich nicht mehr vor dem König scheut, sondern untereinander in Haß und Torheit verfolgt. Dies ist nun die Auslegung der Gesichter, die du gehabt hast.« Childerich aber freute sich über die ausgebreitete Nachkommenschaft, die aus ihm erwachsen sollte.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Thüringen zur Zeit dieser Sage</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Thüringerreich der Völkerwanderungszeit war zur Regierungszeit Childerichs I. eine der bedeutendsten Machtgruppen im rechtsrheinischen Germanien. Während das Weströmische Reich in Gallien zerfiel, festigten die Thüringer unter ihrer eigenen Dynastie ein Herrschaftsgebiet, das weit über die Grenzen des heutigen Freistaates hinausreichte. Es erstreckte sich von der Elbe im Osten bis tief in das Maingebiet im Süden und stellte einen stabilen Machtblock dar, der sowohl für die Franken als auch für die verbliebenen Römer ein wichtiger politischer Partner war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An der Spitze dieses Reiches stand in der Mitte des 5. Jahrhunderts der historisch belegte König <strong>Bissinus</strong> (auch Bisinus genannt). Er ist der Herrscher, der Childerich während dessen Exils Gastfreundschaft gewährte. Bissinus war kein isolierter Stammesfürst, sondern ein europäischer Akteur, der dynastische Verbindungen zu anderen großen Häusern pflegte. Seine Machtstellung war so gefestigt, dass er es sich leisten konnte, einem vertriebenen fränkischen „Rex“ wie Childerich Asyl zu gewähren, ohne Repressalien der Franken oder des römischen Feldherrn Aegidius fürchten zu müssen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Thüringer Gesellschaft jener Zeit wurde von einer kriegerischen und wohlhabenden Adelskaste dominiert. Archäologische Funde aus Prunkgräbern dieser Epoche zeigen, dass der Thüringer Adel Zugriff auf hochwertige römische Luxusgüter, Goldmünzen und erstklassige Waffen hatte. Dies unterstreicht, dass das Reich des Bissinus ein wirtschaftliches und militärisches Zentrum war. Die in der Sage erwähnte <strong>Basina</strong>, die Childerich schließlich nach Gallien folgte, stammte aus genau diesem Umfeld. Ihre Entscheidung, Bissinus zu verlassen und sich dem Franken anzuschließen, spiegelt – jenseits der romantischen Verklärung – die damals üblichen politischen Bündniswechsel zwischen den aufstrebenden germanischen Dynastien wider.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Tod des Bissinus um das Jahr 500 wurde das Reich unter seinen Söhnen Hermanfried, Berthachar und Baderich aufgeteilt. Diese Zersplitterung leitete das Ende der thüringischen Vorherrschaft ein (siehe dazu die <a href="https://www.deutschesagen.de/amalaberga-von-thueringen/" data-type="post" data-id="787">Sage von Amalaberga</a>). Nur wenige Jahrzehnte nach Childerichs Tod nutzten dessen Nachkommen, die Söhne Chlodwigs, die internen Streitigkeiten der Thüringer aus und zerschlugen das Reich im Jahr 531 endgültig (mehr dazu: <a href="https://www.deutschesagen.de/sage-von-irminfried-iring-und-dieterich/" data-type="post" data-id="781">Iring Sage zum Ende der Thüringer</a>). Damit endete die Ära der thüringischen Großkönige, die zur Zeit Childerichs noch die Geschicke Zentraleuropas maßgeblich mitbestimmt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Die Sachsen und die Thüringer</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 17:51:14 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die Erzählung von den Sachsen und Thüringern ist ein klassisches Beispiel für eine sogenannte Origo gentis, eine Stammesbildungssage, wie sie der Chronist Widukind von Corvey im 10. Jahrhundert in seinen Res gestae Saxonicae niedergeschrieben hat. Historische Belege für den exakten Ablauf dieser Ereignisse gibt es nicht; vielmehr handelt es sich um eine literarische Verdichtung komplexer ... <p class="read-more-container"><a title="Die Sachsen und die Thüringer" class="read-more button" href="https://www.deutschesagen.de/die-sachsen-und-die-thueringer/#more-791" aria-label="Mehr Informationen über Die Sachsen und die Thüringer">Continue</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h4 class="wp-block-heading">Die Erzählung von den Sachsen und Thüringern ist ein klassisches Beispiel für eine sogenannte <strong>Origo gentis</strong>, eine Stammesbildungssage, wie sie der Chronist <strong>Widukind von Corvey</strong> im 10. Jahrhundert in seinen <em>Res gestae Saxonicae</em> niedergeschrieben hat. Historische Belege für den exakten Ablauf dieser Ereignisse gibt es nicht; vielmehr handelt es sich um eine literarische Verdichtung komplexer machtpolitischer Verschiebungen in ein einprägsames, mythisches Bild.</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kern der Erzählung – die Landung an der Elbmündung im Lande Hadeln – spiegelt zwar die maritime Tradition der Sachsen wider, doch die Archäologie zeichnet ein anderes Bild als die Sage. Die Sachsen entstanden nicht als geschlossenes Volk, das plötzlich mit einer Flotte ankam, sondern formierten sich über Jahrhunderte aus verschiedenen germanischen Kleinstämmen zwischen Elbe und Weser. Die Geschichte vom <strong>Erdekauf</strong> mit dem Gold ist dabei ein bekanntes Wandermotiv der antiken und mittelalterlichen Literatur. Sie dient dazu, den späteren Landraub juristisch und moralisch zu legitimieren: Die Sachsen werden als klug und weitsichtig dargestellt, während die Thüringer als gierig und einfältig erscheinen. Der symbolische Tausch von Gold gegen Erde sollte den sächsischen Anspruch auf das Territorium als &#8222;rechtmäßig erworben&#8220; untermauern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders bedeutsam ist das Motiv des Verrats bei der Friedensversammlung. Die Schilderung, wie die Sachsen ihre <strong>Saxe</strong> (einschneidige Hiebmesser) unter den Kleidern verbargen, um die wehrlosen Thüringer zu ermorden, findet sich in fast identischer Form auch in den Gründungssagen der Sachsen in Britannien wieder. Historisch lässt sich dieser &#8222;Verrat&#8220; als Echo der tatsächlichen Zerschlagung des <strong>Thüringer Reiches um das Jahr 531 n. Chr.</strong> deuten (<a href="https://www.deutschesagen.de/sage-von-irminfried-iring-und-dieterich/" data-type="post" data-id="781">mehr dazu in der Iring Saga</a>). Damals verbündeten sich die Sachsen mit den Franken, um die thüringische Vorherrschaft gewaltsam zu beenden. Die Sage komprimiert diesen langjährigen, blutigen Konflikt auf ein einziges, hinterlistiges Ereignis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Namensableitung der Sachsen von ihren Messern ist zwar sprachwissenschaftlich plausibel, doch die dramatische Herleitung aus diesem Massaker ist eine spätere Konstruktion, um den kriegerischen Ruf des Volkes zu festigen. Insgesamt betrachteten die Zeitgenossen Widukinds solche Geschichten nicht als exakte Protokolle, sondern als Identitätsstiftung: Sie erklärten dem mittelalterlichen Leser, warum sein Volk mächtig war, warum ihm das Land gehörte und warum man die sächsische List als Zeichen von Überlegenheit gegenüber den Nachbarn deuten durfte.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Sagen  zu den Sachsen und Thüringern im Original (Gebrüder Grimm)</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sachsen zogen aus und kamen mit ihren Schiffen an den Ort, der Hadolava heißt, da waren ihnen die Landeseinwohner, die Thüringer, zuwider und stritten heftig. Allein die Sachsen behaupteten den Hafen, und es wurde ein Bund geschlossen, die Sachsen sollten kaufen und verkaufen können, was sie beliebten, aber abstehen von Menschenmord und Länderraub. Dieser Friede wurde nun auch viele Tage gehalten. Als aber den Sachsen Geld fehlte, dachten sie, das Bündnis wäre unnütz. Da geschah, daß einer ihrer Jünglinge aus den Schiffen ans Land trat, mit vielem Gold beladen, mit güldenen Ketten und güldenen Spangen. Ein Thüringer begegnete diesem und sprach: »Was trägst du soviel Gold an deinem ausgehungerten Halse?« – »Ich suche Käufer«, antwortete der Sachse, »und trage dies Gold bloß des Hungers halben, den ich leide; wie sollte ich mich an Gold vergnügen?« Der Thüringer fragte, was es gelten solle. Hierauf sagte der andere: »Mir liegt nichts daran, du sollst mir geben, was du selber magst.« Lächelnd erwiderte jener: »So will ich dir dafür deinen Rock mit Erde füllen;« denn es lag an dem Ort gerade viel Erde angehäuft. Der Sachse hielt also seinen Rock auf, empfing die Erde und gab das Gold hin; sie gingen voneinander, ihres Handels beide froh. Die Thüringer lobten den ihrigen, daß er um so schlechten Preis so vieles Gold erlangt; der Sachse aber kam mit der Erde zu den Schiffen und rief, da ihn etliche töricht schalten, die Sachsen ihm zu folgen auf; bald würden sie seine Torheit gutheißen. Wie sie ihm nun nachfolgten, nahm er Erde, streute sie fein dünne auf die Felder aus und bedeckte einen großen Raum. Die Thüringer aber, welche das sahen, schickten Gesandte und klagten über Friedensbruch. Die Sachsen ließen sagen: »Den Bund haben wir jederzeit und heilig gehalten; das Land, das wir mit unserm Gold erworben, wollen wir ruhig behalten oder es mit den Waffen verteidigen.« Hierauf verwünschten die Einwohner das Gold, und den sie kürzlich gepriesen hatten, hielten sie für ihres Unheiles Ursächer. Die Thüringer rannten nun zornig auf die Sachsen ein, die Sachsen aber behaupteten durch das Recht des Krieges das umliegende Land. Nachdem von beiden Teilen lange und heftig gestritten war und die Thüringer unterlagen, so kamen sie überein, an einem bestimmten Ort, jedoch ohne Waffen, des neuen Friedens wegen zusammenzugehen. Bei den Sachsen nun war es hergebrachte Sitte, große Messer zu tragen, wie die Angeln noch tun, und diese nahmen sie unter ihren Kleidern auch mit in die Versammlung. Als die Sachsen ihre Feinde so wehrlos und ihre Fürsten alle gegenwärtig sahen, achteten sie die Gelegenheit für gut, um sich des ganzen Landes zu bemächtigen, überfielen die Thüringer unversehens mit ihren Messern und erlegten sie alle, daß auch nicht einer überblieb. Dadurch erlangten die Sachsen großen Ruf, und die benachbarten Völker huben sie zu fürchten an. Und verschiedene leiten den Namen von der Tat ab, weil solche Messer in ihrer Sprache Sachse hießen.</p>
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		<title>Amalaberga von Thüringen</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 17:38:42 +0000</pubDate>
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<p class="wp-block-paragraph">Die Episode vom halb gedeckten Tisch markiert in der Überlieferung den psychologischen Wendepunkt, der den Untergang des Thüringerreichs einleitete. Historisch betrachtet spiegelt sie die realen Machtkämpfe zwischen den Söhnen des Königs Bisinus – Hermenfried, Baderich und Berthar – wider, die das Reich im frühen 6. Jahrhundert unter sich aufgeteilt hatten. Die Erzählung dient dazu, den darauffolgenden Bruderkrieg moralisch zu begründen: Amalaberga, die als machtbewusste Nichte des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen eine Schlüsselrolle spielte, wird hier zur personifizierten Hybris stilisiert. Ihr Vorwurf, ein nur hälftig regierender König verdiene auch nur eine halbe Tafel, ist ein tiefgreifendes Symbol für den unbändigen Machtanspruch jener Zeit, der familiäre Bindungen den politischen Zielen unterordnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Geschichtsschreibung, insbesondere bei den fränkischen Chronisten wie Gregor von Tours, erfüllt dieses Motiv einen klaren Zweck: Es legitimiert den späteren fränkischen Einmarsch. Indem Amalaberga als ränkesüchtige Antreiberin des Brudermords dargestellt wird, erscheint das Thüringer Königshaus als moralisch verfallen und innerlich zerrissen. Der darauffolgende Bruderkrieg, in dem Hermenfried mit Hilfe der Franken erst Berthar und schließlich Baderich ausschaltete, schwächte das Reich so massiv, dass es der späteren fränkischen Expansion keinen Widerstand mehr leisten konnte (mehr dazu in der <a href="https://www.deutschesagen.de/sage-von-irminfried-iring-und-dieterich/" data-type="post" data-id="781">Saga von Iring</a>). So verbindet der fließende Übergang von der privaten Beleidigung bei Tisch zum blutigen Schlachtfeld die menschliche Leidenschaft mit dem harten Schicksal eines Volkes und macht die komplexe politische Instabilität des Thüringerreichs zu einer zeitlosen Sage über Hochmut und Fall.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Sage der Amalaberga von Thüringen im Original (Begrüder Grimm)</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Thüringen herrschten drei Brüder, Baderich, Hermenfried und Berthar. Den jüngsten tötete Hermenfried auf Anstiften seiner Gemahlin Amalaberga, einer Tochter Theodorichs von Franken. Darauf ruhte sie nicht, sondern reizte ihn, auch den ältesten wegzuräumen, und soll auf folgende listige Weise den Bruderkrieg erweckt haben: Als ihr Gemahl eines Tages zum Mahl kam, war der Tisch nur halb gedeckt. Hermenfried fragte, was dies zu bedeuten hätte. »Wer nur ein halbes Königreich besitzt«, sprach sie, »der muß sich auch mit einer halb gedeckten Tafel begnügen.«</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das weitere Leben der Amalaberga</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem vernichtenden Sieg der Franken und Sachsen an der Unstrut im Jahr 531 nahm das Leben der <strong>Amalaberga</strong> eine dramatische Wendung, die sie weit weg von den Trümmern Thüringens führte. Während ihr Ehemann Hermenfried der Legende nach heimtückisch ermordet wurde, gelang ihr die Flucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Amalaberga floh zunächst mit ihren Kindern, darunter ihr Sohn <strong>Amalfrid</strong>, zu ihrem Bruder Theodahad in das <strong>Ostgotenreich</strong> nach Italien. Sie hoffte dort auf Schutz, da sie als Nichte Theoderichs des Großen zur höchsten gotischen Aristokratie gehörte. Doch ihre Sicherheit war nur von kurzer Dauer, da das Ostgotenreich selbst unter den Angriffen des Oströmischen Reiches (Byzanz) unter Kaiser Justinian I. zu wanken begann. Im Jahr 540 fiel die ostgotische Hauptstadt <strong>Ravenna</strong> an den oströmischen Feldherrn <strong>Belisar</strong>. Amalaberga wurde zusammen mit der gotischen Königsfamilie gefangen genommen und als wertvolle Geisel nach <strong>Konstantinopel</strong> geführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Dort endete ihr Weg als &#8222;politische Trophäe&#8220;:</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Exil am Kaiserhof:</strong> Sie verbrachte den Rest ihres Lebens in der byzantinischen Hauptstadt. Dort wurde sie ehrenvoll, aber unter ständiger Kontrolle gehalten.</li>



<li><strong>Die Rolle ihres Sohnes:</strong> Ihr Sohn Amalfrid schlug eine Karriere im oströmischen Militär ein und stieg zum kaiserlichen Feldherrn auf. Dies verdeutlicht, wie die einstige thüringische Herrschaftslinie vollständig in die byzantinische Welt integriert wurde.</li>



<li><strong>Historisches Verschwinden:</strong> Über ihr genaues Todesdatum gibt es keine gesicherten Aufzeichnungen. Sie verschwand aus den Chroniken, ein Schicksal, das viele entthronte Herrscherinnen jener Zeit teilten.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Amalaberga, die einst als stolze Königin den Bruderkrieg in Thüringen anstiftete, endete als Exilantin am Bosporus. Ihr Schicksal markiert das endgültige Ende des eigenständigen thüringischen Königshauses und den Übergang ihrer Nachkommen in den Dienst fremder Mächte.</p>
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		<title>Sage von Irminfried, Iring und Dieterich</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 17:26:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die Sage von Iring und dem Untergang des Thüringerreichs verwebt den historischen Zusammenbruch eines mächtigen germanischen Königreichs mit den dramatischen Motiven von Ehre, Verrat und Schicksal. Im Kern basiert die Erzählung auf den realen Machtkämpfen des frühen 6. Jahrhunderts, als das Thüringerreich unter König Irminfried (Hermanifrid) mit dem expandierenden Frankenreich der Merowinger unter Theuderich I. ... <p class="read-more-container"><a title="Sage von Irminfried, Iring und Dieterich" class="read-more button" href="https://www.deutschesagen.de/sage-von-irminfried-iring-und-dieterich/#more-781" aria-label="Mehr Informationen über Sage von Irminfried, Iring und Dieterich">Continue</a></p>]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Die Sage von Iring und dem Untergang des Thüringerreichs verwebt den historischen Zusammenbruch eines mächtigen germanischen Königreichs mit den dramatischen Motiven von Ehre, Verrat und Schicksal. Im Kern basiert die Erzählung auf den realen Machtkämpfen des frühen 6. Jahrhunderts, als das Thüringerreich unter König Irminfried (Hermanifrid) mit dem expandierenden Frankenreich der Merowinger unter Theuderich I. (Dieterich) kollidierte. Historisch gesichert ist dabei die entscheidende Schlacht an der Unstrut um das Jahr 531, in der die Franken – unterstürzt durch sächsische Verbündete – die Thüringer vernichtend schlugen und deren politische Eigenständigkeit für Jahrhunderte beendeten. Die in der Sage beschriebene Landvergabe an die Sachsen spiegelt die tatsächliche Besiedlung nordthüringischer Gebiete durch sächsische Stämme nach dem Krieg wider.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der politische Rahmen den Tatsachen entspricht, ist die Gestalt des Iring eine rein literarische Schöpfung, die als Sinnbild für den tragischen Helden dient. In der Geschichtsschreibung wurde König Irminfried nicht von seinem eigenen Berater in einer blutigen Rachetat erstochen, sondern fiel vermutlich einem heimtückischen Mord zum Opfer, als er während späterer Verhandlungen in Zülpich von einer Mauer gestoßen wurde. Die Sage verdichtet diese komplexen machtpolitischen Vorgänge zu einem persönlichen Drama: Motive wie die hochmütige Königin, die List mit dem Sperber und der finale Doppelmord machen die unübersichtlichen Kriege der Völkerwanderungszeit greifbar und moralisch deutbar. So bleibt die Geschichte zwar in ihren Details eine Legende, fängt aber die traumatische Erfahrung des Untergangs und die darauffolgende Neuordnung des germanischen Raums treffend ein.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Sage im Origjnal (Gebrüder Grimm)</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Frankenkönig Hugo (Chlodwig) hinterließ keinen rechtmäßigen Erben außer seiner Tochter Amelberg, die an Irminfried, König von Thüringen, vermählt war. Die Franken aber wählten seinen unehelichen Sohn Dieterich zum König; der schickte einen Gesandten zu Irminfried um Frieden und Freundschaft; auch empfing ihn derselbe mit allen Ehren und hieß ihn eine Zeitlang an seinem Hofe bleiben. Allein die Königin von Thüringen, welche meinte, daß ihr das Frankenreich mit Recht gehörte und Dieterich ihr Knecht wäre, berief&nbsp;Iring, den Rat des Königs, zu sich und bat ihn, ihrem Gemahl zuzureden, daß er sich nicht mit dem Botschafter eines Knechtes einlassen möchte. Dieser&nbsp;Iring&nbsp;war sehr stark und tapfer, klug und fein in allem Ratgeben und brachte also den König von dem Frieden mit Dieterich ab, wozu ihm die andern Räte geraten hatten. Daher trug Irminfried dem Abgesandten auf, seinem Herrn zu antworten, er möge doch eher sich die Freiheit als ein Reich zu erwerben trachten. Worauf der Gesandte versetzte: »Ich wollte dir lieber mein Haupt geben als solche Worte von dir gehört haben; ich weiß wohl, daß um derentwillen viel Blut der Franken und Thüringer fließen wird.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie Dieterich diese Botschaft vernommen, ward er erzürnt, zog mit einem starken Heere nach Thüringen und fand den Schwager bei Runibergun seiner warten. Am ersten und zweiten Tage ward ohne Entscheidung gefochten; am dritten aber verlor Irminfried die Schlacht und floh mit den übriggebliebenen Leuten in seine Stadt Schiding, am Flusse Unstrut gelegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da berief Dieterich seine Heerführer zusammen. Unter denen riet Waldrich, nachdem man die Toten begraben und die Wunden gepflegt, mit dem übrigen Heere heimzukehren, das nicht hinreiche, den Krieg fortzuführen. Es hatte aber der König einen getreuen, erfahrenen Knecht, der gab andern Ratschlag und sagte, die Standhaftigkeit wäre in edlen Dingen das Schönste, wie bei den Vorfahren; man müßte aus dem eroberten Lande nicht weichen und die Besiegten wieder aufkommen&nbsp;lassen, die sonst durch neue Verbindungen gefährlich werden könnten, jetzt aber allein eingeschlossen wären. – Dieser Rat gefiel auch dem König am besten, und er ließ den Sachsen durch Gesandte anbieten: wenn sie ihm ihre alten Feinde, die Thüringer, bezwingen hälfen, so wollte er ihnen deren Reich und Land auf ewig verleihen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sachsen ohne Säumen schickten neun Anführer, jeden mit tausend Mann, deren starke Leiber, fremde Sitten, Waffen und Kleider die Franken bewunderten. Sie lagerten sich aber nach Mittag zu auf den Wiesen am Fluß und stürmten am folgenden Morgen die Stadt; auf beiden Seiten wurde mit großer Tapferkeit gestritten, von den Thüringern für das Vaterland, von den Sachsen für den Erwerb des Landes. In dieser Not schickte Irminfried den&nbsp;Iring&nbsp;ab, Schätze und Unterwerfung für den Frieden dem Frankenkönig anzubieten. Dieterichs Räte, mit Gold gewonnen, rieten um so mehr zur Willfahrung, da die Sachsen sehr gefährliche Nachbarn werden würden, wenn sie Thüringen einbekämen; und also versprach der König, morgenden Tages seinen Schwager wieder aufzunehmen und den Sachsen abzusagen.&nbsp;Iring&nbsp;blieb im Lager der Franken und sandte seinem Herrn einen Boten, um die Stadt zu beruhigen; er selbst wollte sorgen, daß die Nacht die Gesinnungen nicht änderte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da nun die Bürger wieder sicher des Friedens waren, ging einer mit seinem Sperber heraus, ihm an dem Flußufer Futter zu suchen. Es geschah aber, daß der Vogel, losgelassen, auf die andere Seite des Wassers flog und von einem Sachsen gefangen wurde. Der Thüringer forderte ihn wieder, der Sachse weigerte ihn. Der Thüringer: »Ich will dir etwas offenbaren, wenn du mir den Vogel lässest, was dir und deinen Gesellen sehr nützlich ist.« Der Sachse: »So sage, wenn du haben willst, was du begehrst!« – »So wisse«, sprach der Thüringer, »daß die Könige Frieden gemacht und vorhaben, euch morgen im Lager zu fangen und zu erschlagen!« Als er nun dieses dem Sachsen nochmals ernstlich beteuert und ihnen die Flucht angeraten hatte, so ließ dieser alsbald den Sperber los und verkündigte seinen Gefährten, was er vernommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie sie nun alle in Bestürzung und Zweifel waren, ergriff ein von allen geehrter Greis, genannt Hathugast, ihr heiliges Zeichen, welches eines Löwen und Drachen und darüber fliegenden Adlers Bild war, und sprach: »Bis hierher habe ich unter Sachsen gelebt und sie nie fliehen gesehen; so kann ich auch jetzt nicht genötigt werden, das zu tun, was ich niemals gelernt. Kann ich nicht weiterleben, so ist es mir das liebste, mit den Freunden zu fallen; die erschlagenen Genossen, welche hier liegen, sind mir ein Beispiel der alten Tugend, da sie lieber ihren Geist aufgegeben haben, als vor dem Feinde gewichen sind. Deswegen laßt uns heut in der Nacht die sichere Stadt überwältigen.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Einbruche der Nacht drangen die Sachsen über die unbewachten Mauern in die Stadt, brachten die Erwachsenen zum Tod und schonten nur die Kinder; Irminfried entfloh mit Weib und Kindern und weniger Begleitung. Die Schlacht geschah am 1. Oktober. Die Sachsen wurden von den Franken des Sieges gerühmt, freundlich empfangen und mit dem ganzen Lande auf ewig begabt. Den entronnenen König ließ Dieterich trüglich zurückrufen und beredete endlich den&nbsp;Iring&nbsp;mit falschen Versprechungen, seinen Herrn zu töten. Als nun Irminfried zurückkam und sich vor Dieterich niederwarf, so stand&nbsp;Iring&nbsp;dabei und erschlug seinen eigenen Herrn. Alsbald verwies ihn der König aus seinen Augen und aus dem Reich, als der um der unnatürlichen Tat allen Menschen verhaßt sein müßte. Da versetzte&nbsp;Iring: »Ehe ich gehe, will ich meinen Herrn rächen«, zog das Schwert und erstach den König Dieterich. Darauf legte er den Leib seines Herrn über den des Dieterich, auf daß der, welcher lebend überwunden worden, im Tod überwände; bahnte sich Weg mit dem Schwert und entrann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irings Ruhm ist so groß, daß der Milchkreis am Himmel Iringsstraße nach ihm benannt wird.</p>



<h6 class="wp-block-heading">Fußnoten: Abweichende Darstellung der Sage bei Goldast: Skript. rerum suevicarum, p. 1-3, wo die Schwaben die Stelle der Sachsen einnehmen.</h6>
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		<title>Sagen rund um Gotha</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Sep 2021 15:54:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Thüringen]]></category>
		<category><![CDATA[Gotha]]></category>
		<category><![CDATA[Schloss Friedenstein]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Herr Augustin Zu Gotha am Jakobsplatz steht ein steinern Haus mit einem Steingebilde, darauf ist ein Mann zu erblicken, der zweien Kindlein Brötchen darreicht, und stellt solches Bild den Herrn Augustin vor, welcher ein absonderlicher Kinderfreund war. Stets beschenkte er arme Kinder, ging niemals aus ohne die Taschen voll Gaben, und es war, als ob ... <p class="read-more-container"><a title="Sagen rund um Gotha" class="read-more button" href="https://www.deutschesagen.de/sagen-rund-um-gotha/#more-740" aria-label="Mehr Informationen über Sagen rund um Gotha">Continue</a></p>]]></description>
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<h2 class="gb-headline gb-headline-8ea05108 gb-headline-text">Der Herr Augustin</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Gotha am Jakobsplatz steht ein steinern Haus mit einem Steingebilde, darauf ist ein Mann zu erblicken, der zweien Kindlein Brötchen darreicht, und stellt solches Bild den Herrn Augustin vor, welcher ein absonderlicher Kinderfreund war. Stets beschenkte er arme Kinder, ging niemals aus ohne die Taschen voll Gaben, und es war, als ob es aus sotanen Taschen quölle und sie nimmer leer würden. Selbiger Herr Augustin wurde achtzig Jahre alt unter solcher Liebe zu den Kindern und der Kinder zu ihm, und da es mit ihm zum Sterben gedieh, hat man zwei Knäblein an seinem Lager sitzen sehen, welche ihm die Augen schlossen, und auf seinem Grabe ist drei Tage lang ein Knäblein sitzend gesehen worden, niemand aber hat dasselbe gekannt.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-71ca17dd gb-headline-text">Der Schatz auf dem Schlosse Friedenstein</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Schlosse Friedenstein zu Gotha, darinnen die Ahnfrau des herzoglichen Hauses umwandelt, war ein Mann vom Soldatenstande des Namens Eckart Hofverwalter, und pflegte bisweilen in der Hofstube auf einer Bank die Nacht hinzubringen, besonders dann, wenn langanhaltende Festlichkeiten bei Hofe seinen Dienst bis in die späte Nacht erfordert hatten. Der erblickte einst in dieser Stube einen Geist, der ihm zu folgen winkte. Eckart nahm das noch brennende Licht und ging ohne Furcht dem Geist nach. Dieser führte ihn durch mehrere Gänge in ein Gewölbe, da stand ein großer Kessel ganz voll Goldstücke, und der Geist bedeutete dem Mann, er solle zugreifen und den Schatz heben. Aber es kam ihm Grauen und Entsetzen an, und er wich nach der Hofstube zurück. Der Geist folgte ihm und suchte ihn unter beweglichen Gebärden zu vermögen, umzukehren. Er solle nur ein Drittel des Schatzes für sich nehmen und die beiden andern Dritteile der Landesherrschaft geben, aber Eckart ließ sich nicht darauf ein. Am folgenden Morgen eröffnete er den Vorgang seinem Herrn, dem Herzog Friedrich II., und bat um Verhaltungsbefehle in dieser Sache. Der Herzog sprach, er befehle ihm hierin nichts, wolle er fürder mit dem Geist gehen, so möge er es auf eigene Gefahr tun. Nach einiger Zeit fand man die Hofstube verschlossen, und der Hofverwalter war nicht zu sehen. Man klopfte und rief, so stark man konnte, und endlich ward die Türe aufgebrochen. Der Hofverwalter lag fast leblos mit dem Kopfe auf dem Tische; er wurde zwar wieder zu sich gebracht, doch war nichts aus ihm herauszubringen. Nur einem Geistlichen hat er hernachmals offenbart, daß der Geist ihm abermals erschienen und gar wehmütig gefleht, gleich wie das Gespenst bei der Edelfrau zu Gehofen, doch den ihm bescherten Schatz zu heben. Er solle sich nur nicht fürchten; es werde zwar eine Geistesgestalt wie ein welscher Hahn ihm zwischen den Beinen hindurchfahren, doch ohne Schaden, und der Wert des Schatzes betrage vierzigtausend Taler. Er, der Hofverwalter, habe aber gesagt, er tue es nicht, er liebe und lobe sich die welschen Hahnen gebraten vor ihm in der Schüssel und nicht also, wie der Geist zu verstehen gegeben, da habe der letztere schrecklich wehmütige und entsetzliche Gebärden gemacht, so daß er, Eckart, darüber ganz die Besinnung verloren habe. Der Geistliche gab den Rat, nicht mehr in der Hofstube zu schlafen, sich einen fetten Konsistorialvogel braten zu lassen und zur Stärkung eine Flasche Wein dazu zu trinken, wobei er ihm auf Verlangen Gesellschaft zu leisten gern erbötig; selbiges hat Eckart getan und ist nachher von dem Geist unbeschwert geblieben, sonach dürfte der Schatz noch zu heben sein, wenn der Geist nicht einen andern Mann gefunden hat. Eckart hat nachher noch manchen welschen Hahnen vor sich erscheinen lassen, dabei zum öftern sein Erlebnis erzählt und ist als herzoglicher Major zu Gotha nach einem löblichen Leben seliglich verstorben.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-8f34e6e1 gb-headline-text">Thüringen Fluten</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Große und greuliche Wasserfluten haben oft das Thüringerland heimgesucht. Eine der schrecklichsten war die am 17. Maimond 1558; die Erde erbebte, und die Schleusen des Himmels gossen stromgleiche Fluten auf die Fluren zwischen Gotha und Langensalza nieder. Im Orte der Grafen von Gleichen, Burgtonna, wurden fast vierzig Häuser und Scheunen zumal und von Grund aus verwüstet, daß man hernach nicht mehr sah, wo Haus oder Scheuer gestanden. Starke Bäume wurden mit den Wurzeln ausgerissen und davongeführt, sechsundvierzig Personen fanden nur allein in Burgtonna ihren Tod. In einem der hinweggerissenen Häuser, des Hirten Wohnung, lag eine Wöchnerin, die Tags vorher geboren hatte. Das Kindlein lag in einer Mulde, das Haus stürzte zusammen, die Mutter verdarb, das Neugeborene schwamm in seiner Mulde unversehrt neunzig Schritte weit davon, blieb im Gezweig eines Apfelbaumes hangen und ward gefunden lebend und ohne Leid. An manchen Stellen im Dorfe hat das Wasser dreier Männer Höhe übereinander erreicht. Ein Mann sang noch im Untersinken: Nun bitten wir den Heiligen Geist; ein anderer reckte seine Hand im Sinken aus dem Wasser und segnete die, so noch lebendig. Ein Knabe, ein Knecht und ein Futterschneider gewannen einen hohen Birnbaum, die erhielten ihr Leben. Ein im Lande umwandernder Buchträger, heutzutage neumodisch Kolporteur genannt, kam auf einen Balken rittlings zu sitzen, schwemmte fünf Ackerlängen hinweg und brachte sich und seinen Bücherranzen glücklich und unversehrt ins Trockne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war aber alles nichts gegen eine Flut, dergleichen nie vorher und nie nachher erhöret worden im Thüringer Lande, die geschahe am 29. Mai 1613. Da kamen Wetter von allen Seiten und standen viele Meilen in die Runde über dem Lande und tobten gegeneinander, daß alle Leute glaubten, der Erde jüngster und letzter Tag sei herbeigekommen, das reichte von der Saale bis zum Harz und von der Werra bis zur Elbe. Die Ilm überschwoll ihr Bette zehn bis zwölf Ellen hoch, riß in Weimar vierundvierzig Häuser und Scheuern weg, ertränkte vierundsiebzig Menschen und zweihundert Stück Vieh; noch ist am Kegeltor daselbst der schwarze Strich, das Wahrzeichen, wie hoch dort die Flut stand. In Oberweimar ertranken vierzehn Menschen, stürzten zweiundzwanzig Häuser ein; in Mellingen raffte die Flut zweiundzwanzig Menschen hinweg und zertrümmerte sechsunddreißig Häuser. Eines Hirten Weib ertrank mit zugleich vier Kindern; der Vater, der sich rettete, hörte noch, wie das jüngste, als seine kleine Lagerstätte schon schwamm, die Mutter fragte: Kommen wir auch in den Himmel, wenn wir ertrinken? – und als jene mit Ja! antwortete, hat das Kindlein gerufen: Ei, so will ich gern mit ertrinken! Gut Nacht, lieb Vater und Mutter! – Mehrere Dörfer wurden fast ganz hinweggerissen, so daß nur wenige Häuser stehenblieben. In Gotha blieb kaum ein Fenster ganz von den Schloßen, kein Halm auf den Äckern. Mühlhausen litt ungemein; der Schade, den Wetter und Flut in Langensalza tat, ward allein auf eine Tonne Goldes geschätzt, aber er ganze Schade im Thüringer Lande auf mehrere Millionen Taler. Nur allein zwischen Jena und Magdeburg ertranken über zweitausend Personen oder wurden von einstürzenden Häusern begraben. Diesen furchtbaren Wassererguß nannte man hernachmals die Thüringer Sündflut und erkannte in ihr ein strafendes Gottesurteil, um so mehr, als alle römischen Zahlbuchstaben dieses strafenden Jahres in einem einzigen Worte enthalten waren, und das war das Wort IVDICIVM (MDCXIII).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bechstein</p>



<div id="sbs-openstreetmap-block-4b02ad02-0239-4f20-81d2-0cc55c438079" class="wp-block-stepbyteservice-openstreetmap sbs_openstreetmap_module" data-style="openstreetmap_de" data-zoom="15" data-zoomable="false" data-latitude="52.4679888" data-longitude="13.3257928" data-show-attribution="true" data-marker-source="address" data-marker-address="Gotha" data-marker-latitude="52.4679888" data-marker-longitude="13.3257928" data-marker-center="true" data-marker-icon="" data-marker-color="dark_blue"><div class="sbs_openstreetmap_container" style="padding-bottom:50%"></div></div>
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		<title>Sagen rund um Arnstadt</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Sep 2021 15:50:17 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Der Jungfernsprung und die Böhlersmännchen Bei Arnstadt ist eine enge und tiefe Talrinne, das Jonastal; warum es diesen Namen führt, weiß niemand; im Tale aber ist eine senkrechte schroffe Felsenwand, die heißt der Jungfernsprung, dort sprang eine von einem Reiter verfolgte Jungfrau hinunter, indem sie sich den Engeln anbefahl; diese haben sie auch umfangen und ... <p class="read-more-container"><a title="Sagen rund um Arnstadt" class="read-more button" href="https://www.deutschesagen.de/sagen-rund-um-arnstadt/#more-735" aria-label="Mehr Informationen über Sagen rund um Arnstadt">Continue</a></p>]]></description>
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<h2 class="gb-headline gb-headline-591a2772 gb-headline-text">Der Jungfernsprung und die Böhlersmännchen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Arnstadt ist eine enge und tiefe Talrinne, das Jonastal; warum es diesen Namen führt, weiß niemand; im Tale aber ist eine senkrechte schroffe Felsenwand, die heißt der Jungfernsprung, dort sprang eine von einem Reiter verfolgte Jungfrau hinunter, indem sie sich den Engeln anbefahl; diese haben sie auch umfangen und sanft zu Boden getragen, der Reiter aber sprengte, da er sein Roß nicht mehr zu zügeln vermochte, ihr nach, und Mann und Roß zerschmetterten im tiefen Abgrund. Am Eingang dieses Tales liegt der Schöne Brunnen, der hat früher der Jungfernbrunnen geheißen. Vor ohngefähr fünfzig Jahren soll einmal ein kleiner Arnstädter Chorschüler hinauf auf den Jungfernsprungfels spazierengegangen sein, da habe ihn aber ein heftiger Sturmwind ergriffen, daß er sich nicht habe halten können, zumal der Wind in seinen Mantel wie ein Segel geblasen, und habe ihn in die Tiefe gerissen, aber im Heruntersinken sei der Chormantel dem Knaben zum Fallschirm geworden und jener ohne Verletzung davongekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Tiefe dieses Tales, weiter oben, ist ein Felsloch, das Böhlersloch genannt, darinnen wohnen Zwerge, die Böhlersmännchen genannt, gutartig und boshaft, nach der viel geschilderten Tückebolde Art. Sie gleichen den Nievelmännchen und Ouwelmännchen, von denen man zu Limburg an der Maas erzählt. Es ist in dieser Talrinne, die noch höher hinauf nach Espenfeld zu das Götzental heißt, gar nicht geheuer; nächtlichen Wanderern hocken sich Gespenster auf den Rücken und lassen sich eine gute Strecke huckepack tragen. Das ist schon manchem geschehen, der spät von Schönbrunnen, allwo es gutes Weizenbier zu trinken gibt, jenen Weg ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An vielen andern Orten in Thüringen gibt es noch Zwerghöhlen und werden da und dort Wichtleinslöcher und Wichtleinshöhlen genannt, so bei Buffart an der Ilm, bei Salzmünde, bei Meiningen, bei Dillstädt und Wichtshausen, und geht an manchen Orten die Sage, daß zur Zeit der Hunneneinfälle die Menschen sich vor den schrecklichen Heunen gleich als kleine furchtsame Wichtlein in diese Löcher verkrochen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die verschiedenen Türme</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Von der Liebfrauenkirche zu Arnstadt gehen viele Sagen. Dieselbe hat außer dem großen Glockenturm zu Seiten des westlichen Portales zwei Türme, von denen ist einer im byzantinischen, der andere im gotischen Baustile aufgeführt und soll den einen der Meister, den andern sein Geselle allein erbaut haben. Da nun der Turm des Gesellen als der schönere und zierlichere allgemein gepriesen worden, sei des Meisters Eifersucht erwacht, und er habe den Gesellen unversehens von seinem Turme herabgeworfen; da sei dem Gesellen dessen treuer Hund nachgesprungen und hernachmals als ein Steinbild zur Zier und zum Andenken am Turme angebracht worden, wie noch heute zu sehen. In der öden Liebfrauenkirche ist es nicht geheuer, Geister halten darinnen um Mitternacht ihre Metten. Von den Türmen zu Naumburg und vielen andern geht ganz dieselbe oder eine doch wenig unterschiedene Sage. Innen über einer Türe hängt auch eine Riesenrippe; dieses Riesen Grab ist unterm Walperberge, und am Wege nach Haarhausen hat derselbige seinen Löffel in die Erde gesteckt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Voll Maß! Voll Maß!</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Arnstadt liegt ein schöner kräuterreicher Bergwald, das Walperholz, so geheißen, weil auf der Höhe in alten Zeiten ein Kloster zur heiligen Walpurgis gestanden hat. Dort ist eine Waldecke, wo man es nennt an den hohen Buchen, und steht auch eine sogenannte Jagdbuche dort. An dieser Buche befindet ich ein runder Platz, darauf nie Rasen wächst, auch sonst kein Gras und kein Kraut. Dorthin ist gebannt der ruhelose Geist einer Bierzapferin, weil sie bei ihrem Leben zu geringes Maß gegeben hat, deren Name ist Frau Holle. Zuzeiten sieht man sie in altväterischer Tracht rastlos um die Jagdbuche wandern und hört einen kläglichen Ruf, den sie fort und fort ausstößt: Voll Maß, voll Maß!</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser Sage ist sicher der mythische Name Frau Holle auf den des gebannten Geistes übertragen worden; sie erinnert an die Wandlerin unterm reißenden Stein bei Mehlis, welche die Kunden vervorteilte und gebannt wurde und immer ruft: Drei Quärtchen für eine Kanne! Drei Viertel für ein Pfund!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bechstein</p>



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		<title>Sagen rund um den Harz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Jun 2021 07:10:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
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		<category><![CDATA[Sachsen-Anhalt]]></category>
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					<description><![CDATA[Rund um den Harz gibt es sehr viele Geschichten und Sagen zu sehr unterschiedlichen Orten und Begebenheiten. Dies hier ist daher keine vollständige Aufstellung, sondern eine Sammlung der besten Geschichten rund um den Harz. Der Blocksberg, das Blocksbergsgespenst und der Reinstein. Der Brocken, in der gewöhnlichen Volkssprache der Blocksberg genannt, gehört zu den bedeutendsten der ... <p class="read-more-container"><a title="Sagen rund um den Harz" class="read-more button" href="https://www.deutschesagen.de/sagen-rund-um-den-harz/#more-587" aria-label="Mehr Informationen über Sagen rund um den Harz">Continue</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-background wp-block-paragraph" style="background-color:#efefef">Rund um den Harz gibt es sehr viele Geschichten und Sagen zu sehr unterschiedlichen Orten und Begebenheiten. Dies hier ist daher keine vollständige Aufstellung, sondern eine Sammlung der besten Geschichten rund um den Harz.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-3485802b gb-headline-text"><strong>Der Blocksberg, das Blocksbergsgespenst und der Reinstein.</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Brocken, in der gewöhnlichen Volkssprache der Blocksberg genannt, gehört zu den bedeutendsten der norddeutschen Berge und ist der höchste Gipfel des Harzes. Bekanntlich wird er&nbsp;<em>Mons Bructerus</em>&nbsp;oder<em>&nbsp;Bructerorum</em>&nbsp;genannt, angeblich weil die alten Bructerer vor grauen Jahren in der Nähe des Brockens gewohnt haben sollen. Einige nennen ihn auch&nbsp;<em>Mons Proculus,</em>&nbsp;entweder von dem lateinischen Worte&nbsp;<em>procul</em>&nbsp;(fern), weil er von ferne einem in die Augen scheint und gesehen werden kann, oder vom Kaiser Proculus, von dem die Sage erzählt, er habe 100 Jungfrauen innerhalb 15 Tagen geschwängert, gleichwie der Teufel auch in der Walpurgisnacht Unzucht mit den Hexen zu treiben pflege.&nbsp;Ein anderer Name ist noch&nbsp;<em>Μελιβοκος</em>&nbsp;oder&nbsp;<em>Melibocus,</em>&nbsp;welchen Einige von dem griechischen Worte&nbsp;<em>μελι</em>&nbsp;(Honig) und&nbsp;<em>βοσκω</em>&nbsp;(weiden, nähren) ableiten, also ein Ort, der viel Honig hüte oder einernte, wogegen wieder Andere behaupten, das Wort sei aus dem Deutschen entstanden und blos verdreht, nämlich aus Hellbock, d.h. der höllische Bock, bezüglich auf das Bocksreiten der Hexen oder auf die Bocksfüße des Teufels. Die deutschen Namen sind Prockelsberg, Prokelberg,&nbsp;Brockenberg, Brockesberg, Blocksberg oder Brocken. Letzterer Name kommt jedoch zweifelsohne aus dem Lateinischen her. Eine andere Erklärung ist aber die, daß der Berg früher von viel bedeutenderer Größe gewesen und bis auf seine jetzige Höhe zusammengestürzt und zerbröckelt sei und davon den Namen Brocken erhalten habe. Der Namen Blocksberg soll von Block oder Klotz herkommen und soll deshalb dem Berge gegeben worden sein, weil unten am Fuße des Berges sehr alte Bäume von ungewöhnlicher Länge und Breite gefunden worden wären, die man nicht habe aus dem Walde fortbringen können. Daher sei es geschehen, daß sie immer allda verblieben wären, bis sie endlich verfaulten oder durch Ungewitter, Sturm und Donnerkeile zerschmettert worden und dort liegen geblieben seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist zu bezweifeln, daß die am Fuße des Brockens liegenden, zum Theil wunderbar aufgeschichteten verschiedenen Felsmassen, als der Scharfenstein, der Ilsenstein, die Honeklippen, die Feuersteine, die Schnarcher, die Söseklippen oder das Sirstor, die Achtermannshöhle, die Hopfensäcke u. dgl., die sämmtlich über zwei Stunden von der Spitze des Brockens entfernt sind, früher mit ihm zusammengehängt und ein Ganzes gebildet haben, denn dagegen sind die tiefen Thäler, welche diese von dem Hauptberge selbst trennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Brocken scheidet den Ober- von dem Unterharz; was von demselben im Westen liegt, heißt der Oberharz, und ist der höhere, größere und erzreichere Theil, was dagegen im Osten liegt, bildet an Fruchtbarkeit und Naturschönheit jenen übertreffend den Unterharz. Der Brocken selbst ist ein Urgebirge von mächtigen Granitlagern, unter 28° 17&#8242; 1&#8220; östlicher Länge und 51° 48&#8242; 11&#8220; nördlicher Breite und liegt in seinem Haupttheile in der Grafschaft Wernigerode, mit einem kleinen Theile seines südwestlichen Abhangs aber in dem hannöverschen Fürstenthum Grubenhagen und wird von den Harzstädten Wernigerode, Elbingerode, Hasselfelde, Benekenstein, Andreasberg, Altenau, Clausthal, Zellerfeld, Goslar und Neustadt-Harzburg umgeben. Sonst hat er eine ovale Fläche und besteht aus braunem, weiß- und blaugrauem Granit, von dem eine Unmasse zerbröckelt sowohl die Oberfläche des großen als des kleinen Brockens und der Heinrichshöhe bedeckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daß von Venetianern und andern aus der Ferne und Nähe kommenden Kuxgängern in der Umgegend des Brockens, z.B. im Morgenbrodsthale, im Kux- und Ockerloche, am Rauschwasser, Quitschenhäu, im Schuppenthale, an der steilen Wand etc., wo verschiedene Figuren, wie Mönche, mit und ohne bergmännischen Instrumenten in den Händen, Ringe, Kreuze, chemische Zeichen, als:&nbsp;<a href="http://www.zeno.org/Literatur/I/gras476a"></a>&nbsp;Gold,&nbsp;<a href="http://www.zeno.org/Literatur/I/gras476b"></a>&nbsp;Silber, Hände, die nachweisen, wo Gold und andere feine Erze zu suchen u. dgl. m. eingehauen sind, Gold, Silber oder Edelsteine gefunden worden, ist sehr zu bezweifeln, ob es gleich ein Sprichwort giebt: »Man wirft am Brocken oft mit einem Steine nach einer Kuh, der mehr Werth hat als die Kuh selbst.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sehr sonderbar ist das Klima auf dem Brocken, namentlich die schnelle Veränderung der Temperatur und des Wetters. Es ist eigentlich dort immer mit wenigen Ausnahmen rauh und kalt, selbst im Juni, Juli und September ist daselbst schon Schnee gefallen. Auffallend schnell entstehen bei dem geringsten Wechsel des Windes daselbst Nebel, z.B. von West nach Südwest oder nach Nordwest; selbst wenn kein Wölkchen am ganzen Horizonte zu entdecken ist, bezieht sich die Brockenkuppe augenblicklich mit Nebel und dies ist&nbsp;dann gewöhnlich ein Vorzeichen von bösem Wetter, weshalb von den Landleuten das Sprichwort gebraucht wird: Auf dem Brocken wird gebraut, oder: Der Brocken hat die Mütze auf. Der größte Feind des Brockens ist aber namentlich im Winter der Wind, namentlich der Südwest; unglaublich hohe Schneemassen und Eisstücke holt derselbe aus den Thälern und treibt sie in hohen langen Massen auf die Brockenfläche von einer Stelle zur andern, und zwar so schnell, daß da, wo am Abend eine große Schneebank lag, dieselbe am andern Morgen von dieser Stelle ganz verschwunden war und sich hundert bis zweihundert Schritte davon entfernt auf der entgegengesetzten Seite befand. Alle diese Naturphänomene mögen die Ursache sein, daß der alte Brocken so in Verruf gekommen ist und das gräßliche Brausen und Heulen des Sturmes, welcher alle nur mögliche Schauder erregende Töne hervorbringt, wird jedenfalls zu der Sage von dem angeblich dort in der Walpurgisnacht abgehaltenen Hexensabbath Anlaß gegeben haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine seltsame Erscheinung ist auf diesem Berge das sogenannte Brockengespenst, das man jedoch nicht etwa blos im Herbste und bei Sonnenuntergange, wie man behauptet hat, wahrnimmt, sondern in allen Jahreszeiten, sowohl beim Auf- als Untergange der Sonne. Dieses Phänomen ist nun aber folgendermaßen beschaffen. Wenn die Sonne bei ihrem Auf- oder Untergange mit dem Brocken in gleicher Höhe steht, sich dann auf entgegengesetzter Seite unten in den Thälern Nebel bilden, diese am Brocken in die Höhe steigen, der nebelfreie Brocken aber zwischen dem Nebel und der Sonne steht, so wirft die Sonne den Schatten des Brockens und aller auf ihm befindlichen Gegenstände an diese Nebelwand, an der sich nun riesenhafte Gestalten bilden, die bald sich verkleinern bald vergrößern, je nachdem sich der Nebel nähert, entfernt oder durch Aufrollen desselben in ihm Lücken entstehen. Ist der Nebel trocken, so sieht man außer seinem eigenen Schatten auch den seiner Nachbarn; ist er feucht, so sieht man nur den seinen mit einem regenbogenfarbigen Heiligenschein umgeben. Dieser Heiligenschein vergrößert und verschönert sich, wird strahlender, je nasser und dicker der Nebel ist und je näher derselbe kommt. Bei rauhem Nebel im Winter bietet diese Erscheinung einen andern Anblick; dann erhält der Schatten nicht den kreisförmigen regenbogenfarbigen Heiligenschein, sondern es gehen vom Haupte des Schattens drei gelbe, hellglänzende, scharfgezeichnete und weitstrahlende Scheine rechts und links vom Auge und senkrecht, ohngefähr so&nbsp;<a href="http://www.zeno.org/Literatur/I/gras477a"></a>&nbsp;und in hochgelber Farbe. Dieses Nebelbild oder Brockengespenst ist das schönste hier wahrgenommene Phänomen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was nun die Sage selbst anlangt, so soll, als der Kaiser Karl der Große 779 und 780 n. Chr. G. die Sachsen zur Annahme des Christenthums zwang, von diesen der Götzendienst auf dem Brocken gefeiert und in der Walpurgisnacht der Hertha, nach Andern dem Krodo, auf dem Hexenaltar geopfert worden sein, und als Kaiser Karl zur Vertreibung der Heiden Schildwachen aufstellen ließ, hätten die Heiden durch abenteuerliche Aufzüge jene von ihren Posten zu versprengen gesucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Man hat ein altes Gedicht von dem Brocken, welches also lautet:</strong></p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>In Thüringen ist sehr wohl bekannt</p><p>Ein Berg, der Prockelberg genannt,</p><p>Welcher Berg der jetzo berührt</p><p>Ueber sechzehn Meil gesehen wird,</p><p>Also daß den fernen Jedermann</p><p>In Sachsen und Hessen anschauen kann,</p><p>Dieweil er hoch und übertrifft</p><p>Mit seiner Höh, wie ich bericht,</p><p>All Berg in Hartz und Thüringen,</p><p>Darüber er ganz hoch thut springen.</p><p>Vber das ist er auch beschreit,</p><p>Dieweil Nachts zu Walpurgis Zeit</p><p>In großer Zahl, wie ich bericht,</p><p>Die Zauberinn mit ihrem Gezücht</p><p>Ingemein einen Reichstag allda halten,</p><p>Die jungen sowohl als die alten,</p><p>Welche all der Teufel dahin führt</p><p>In geschwinder Eil, wie jetzt berührt,</p><p>Auf welchem sie mit Tanzen, Springen,</p><p>Mit Saufen auch die Zeit zubringen,</p><p>Mit bösen Geistern Unzucht treiben,</p><p>Wie solches oft die Gelehrten schreiben,</p><p>Wenn aber kommt der Hahnen Geschrei,</p><p>So fahren sie wieder heim ohne Scheu</p><p>Ueber hohe Berg und tiefe Thal,</p><p>Bis daß sie kommen allzumal</p><p>Ein jede Hexe an ihren Ort,</p><p>Wie man solches wohl mehr hat gehört.</p><p>Treiben also ohn&#8216; alle Scheu</p><p>Ihr Hexenwerk und Zauberey</p><p>Wider Gott und sein heiliges Wort,</p><p>Auch öftermals anstiften Mord,</p><p>Doch können sie, wie ich bericht,</p><p>Den frommen Leuten schaden nicht,</p><p>Um welche her die Engelschaar</p><p>Ein Wagenburg thut schlagen gar.</p><p>Ihr rechter Lohn und gewisses Pfand</p><p>Ist Feuer, Schwert und ewig Schand,</p><p>Ja wenn sie nicht tun Buß auf Erden,</p><p>Können sie auch nicht selig werden.</p><p>Das sey nun gnug von Zauberinn.</p><p>Auf daß wir aber unsern Sinn</p><p>Anwenden an den Prockelsberg,</p><p>Zu beschreiben gänzlich merk&#8216;,</p><p>So ist auch überall allda</p><p>Derselbe Berg ein Practica</p><p>Der Landleut, welche oft ohn Irren</p><p>Gut Wetter daher practiciren,</p><p>Denn wenn ein starker Nebel trifft</p><p>Recht solchen Berg, wie ich bericht,</p><p>So fällt gewiß denselben Tag</p><p>Ein Regen, ist wahr als ich sag.</p><p>Wenn aber solcher Berg ganz frei</p><p>Ohne Nebel ist, ohne allen Scheu,</p><p>So folgt ein schöner heller Tag</p><p>Alsdann, darin ein Jeder mag</p><p>Mit Freuden an sein Arbeit gahn,</p><p>Auch wandern, reiten und alsdann</p><p>Noch weiter, daß für alle Zeit</p><p>Gott werde gedankt in Ewigkeit.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wir wollen hier aus Curiosität die Beschreibung einer Brockenreise setzen, welche Johann Prätorius seinem Buche über den Brocken als Anhang vorgesetzt hat. Derselbe berichtet aber folgender Maßen:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als man den 5. Juli Anno 1653 bei früher Tageszeit von Ballenstedt abgereiset, sind wir darauf, gleich gegen Mittag um 10 Uhr zu Blankenburg angelanget, von dannen wir uns alsofort und nach voreingenommener Mittagsmahlzeit nacher Reinstein hinauf (so nur&nbsp;<sup>1</sup>/<sub>4</sub>&nbsp;Meil Weges von Blankenburg) begeben und daselbst befunden, daß der Reinstein ein gar uralt und verwüstetes Haus oder Schloß ist, auf einem ziemlichen hohen Felsen gelegen und vordessen von denen nunmehr ganz verstorbenen Herren Grafen von Reinstein erbauet worden; ist ein seltzam Gebäude gewesen, in dem Alles, und fast alle Gemächer, darunter vornehmlich die Küche, Keller, die Kirche, Saal, Pferdeställe und dergleichen in den Stein ausgehauen ist, wie man denn, wenn man hineinkommt, anders nicht als lauter Stein um und neben sich sieht, und ist zu muthmaßen, daß solches Alles große Mühe und Arbeit gekostet hat. Es liegt sehr hoch und ist an einer Klippe des Berges gleichsam angeflickt und nunmehr Alles verwüstet, sieht auch anjetzo vielmehr einer Raubhöhle als einem gräflichen Schlosse ähnlich. Wann ein Rohr in denen aus dem Stein gehauenen Gemächern gelöst wird, so schallet und knallet es dergestalt, als wenn eine Kanone gelöst würde, maßen denn auch, wenn daselbst&nbsp;nur in die Luft aus einem Rohr geschossen wird, es von verschiedenen Orten her einen starken Widerhall und gleichsam vielerlei Echo giebt. Unter andern ist allda ein Loch zu finden, so von allerlei kleinen Steinen (welche sonst in der Ebene und nicht auf den Bergen gefunden werden) ausgefüllt ist. Von demselben Ort nun wird als wahrhaftig berichtet, als wenn solches Loch von den bösen Geistern angefüllt wäre. Denn wenn man die Steine von dannen hinwegnimmt, so kommen doch hingegen wieder andere dahin, ja auch gar oftmals diejenigen, welche man hinweggenommen, daß also Niemand die Ursache dessen erfinden kann, sondern das Loch allezeit mit den Steinen angefüllt gefunden wird. Es werden auch allerhand Abenteuer erzählt, so sich bei solchem Loche sollen begeben haben mit denen, welche muthwillig oder freventlich etwas dabei vorzunehmen sich unterstanden. Als wir uns hernach von Reinstein wieder hinunter begaben und in Blankenburg das Mittagsmahl eingenommen, sind wir darauf selbigen Tages durch Wernigerode noch bis Ilsenburg gereiset. Da wir nun zu Ilsenburg (so dem Herrn Grafen zu Stolberg oder Wernigerode zuständig und fest unter dem Blankenberg liegt) selbigen Abend angelanget, haben wir Präparatoria gemacht, des darauf folgenden Morgens die Reise auf den hohen Blockesberg fortzusetzen. Den 6. Juli nun früh am Tage haben wir uns aufgemacht und nebenst dem Wegweiser um 2 Uhr früh die Reise angefangen, da mir denn reitend 15 Personen und 12 Pferde stark über unterschiedene Bäche, Brücken und durch dicke Büsche bei einem ziemlich hohen Felsen, Ilsenstein genannt, vorbei alles bergaufwärts fortpassiret und als wir in die zwei guten Stunden den Berg hinaufwärts in Morast, in Steinen, in ungebahntem Wege, dabei die Pferde manchen sauern, unsanften und gefährlichen Tritt tun müssen, geritten, haben wir, wegen des allzubösen Weges, nicht weiter zu Pferde fortkommen können, sondern alle von den Pferden absteigen und zu Fuß vollends gehen und gleichsam hinaufklettern müssen, da wir dann abermals zu Fuß gehend in die 2 gute Stunden zugebracht, ehe wir den höchsten Gipfel des Berges erreicht. Die ganze Zeit aber, im Hinaufreiten und im Hinaufgehen, haben wir stetig dunkel und thauigtes, näßliches Wetter gehabt, je höher wir aber auf den Berg gekommen, je dunkler, nässer und kälter Wetter und Luft wir empfinden müssen, bis endlich auf der Höhe, als wir dieselbe erreicht, wir eine solche kalte Luft gefunden, daß wir fast nicht dafür dauern können, ja von dem Reif und Frost wir alle ganz weiß, als wären wir beschneit, aussahen. Denn unversehens wurden wir mit Nebel und Wolken dergestalt umgeben, daß wir vor Dunkel und Finsterniß einander nicht sehen oder erkennen konnten, sondern einander zurufen mußten, ja die Wolken strichen bei uns und unsern Häuptern recht mit Brausen vorbei, daß man wie verdutzt davon wurde, geschweige der Nässe, so jedesmal von den Dünsten und vorbeistreichenden Wolken auf uns fiel, daß wir alle wie gebadet aussahen, bis endlich nach 6 Uhr und gegen 7 Uhr etwa sich etwas von unterwärts aufzuklären anfing, da denn, sobald es ein wenig hell wurde und die Sonne die weißen Dünste verzehrte und die Wolken abgetrieben, wir uns nach allen Orten umsehen konnten, daß einem das Gesicht darüber verging. Denn es anders nicht schien, als wenn wir vom Himmel herab die ganze Welt übersehen könnten, indem Alles, was wir sahen und wohin wir sahen, viel niedriger war als der Ort, da wir uns befanden, und konnte das Gesicht die Weite&nbsp;um uns fast nicht begreifen. Ohne ist es nicht, daß auf solchem hohen Berge der großen Wunderwerke Gottes genug sein zu sehen und zu verspüren, indem man gleichsam in einem Augenblicke nicht allein so viel Länder, Fürstenthümer und Provinzen des heil. römischen Reichs und in Deutschland beschauen, sondern auch die Wirkung der Luft, die Durchstreichung der Wolken nicht ohne Verwunderung und Entsetzung allda sehen und empfinden kann, zu geschweigen, was für herrliche kräftige, kostbare und seltsame Kräuter und Wurzeln droben wachsen. Denn indem wir uns mit Beschauung der in dem Grunde herumliegenden Fürstenthümer, Länder und Orte am Besten ergötzten, kam unversehens brausend eine Wolke, mit Nebel und Dünsten vermenget, auf uns und überschüttete uns, daß wir, gleichsam in einem Augenblick, in eine Finsterniß geriethen und gar nichts sehen, ja einander selbst (ungeachtet, daß wir nahe dabei standen) nicht erkennen konnten, da wir denn allezeit aufs Neue benetzet, als wenn wir stark beregnet wurden. Sobald nun die Wolken von uns zu weichen und uns wiederum zu verlassen begonnen, sahen wir durch dieselben, sowohl unter uns nach dem Erdboden, als insonderheit über uns nach dem Himmel zu, gleich wie ein brennendes Feuer, so man durch den Rauch zu sehen pflegt, aus der Ursache, weil mittler Zeit, da wir mit den Wolken umgeben waren, es sowohl unten auf dem Erdreich, als vornehmlich oben gegen den Himmel ganz klar und helle von dem Sonnenschein war. So geschwind nun die Wolken vorbei waren, konnten wir uns abermals mit sonderbarer Lust und Ergötzung, soweit es das Gesicht erleiden konnte, allzuweit hin und wieder umsehen, bald aber kamen dieselben wiederum, wie zuvor, also daß es lauter Veränderung und Verwechselung der Luft gab, insonderheit aber kamen die Wolken bisweilen etwas zu kurz an uns an, daß sie uns nicht berührten, sondern etwas unterwärts an den Berg anstießen und also an demselben sich zertheilen mußten, da wir dann abermals unterwärts nach dem Erdboden Alles finster und dunkel, hinaufwärts aber gegen den Himmel zu Alles hell und klar sehen konnten und also die Wunderwerke Gottes daselbst wohl sichtbarlich sein. Auf dem Berge oben waren gar keine Bäume, sondern Alles mit langem Gras, Kräutern und Wurzeln bewachsen, Alles sumpfig, morastig und voll Mooß, aber recht oben entspringt ein schöner klarer und gesunder Brunnquell, so gar einen guten Geschmack im Trinken hat. Unter andern ist eine Wurzel daselbst, so die Krebswurzel genannt wird, sieht einem Krebs an Farbe und Form sehr gleich, soll zu vielerlei Zufällen der Menschen dienlich und sehr köstlich sein. Dieser Ort und Gipfel des Berges ist ziemlich weit begriffen, aber gar nicht gäh oder steil herunter, sondern nur langsam abhängig, also daß man ganz ohne Gefahr oben herumgehen kann. Wenn ein Rohr oder Lauf abgelöset wird, so giebt es einen gar schlechten Knall und gar keinen Widerschall. Daß aber auf dem Gipfel des Berges gar keine Bäume wachsen, so wird solches der großen Kälte, die sich daselbst beständig befindet, beigemessen, da doch hingegen herunterwärts, etwa einen guten Musketenschuß von der obersten Höhe herunter wir allsofort Bäume in starker Anzahl von allerlei Art gefunden und sich dasselbe bis ganz hinunter auf die Ebene continuirt. Als wir nun also oben auf dem Berge beinahe anderthalb Stunden lang verharrt und uns umgesehen und der starken Kälte wegen fast nicht länger ausharren können, haben wir uns endlich allgemach wiederum hinunter zu Fuß begeben, so allbereits&nbsp;um 8 Uhr Vormittags gewesen, da wir denn mit ziemlicher Mühe und Arbeit den ganzen unwegsamen und ungebahnten, ja meistentheils sehr morastigen und steinigen Weg bis die Hälfte des Berges hinunter, da die Pferde unser gewartet, absolvirt, daselbst uns auf die Pferde wiederum gesetzt und also vollends bis hinunter nach Ilsenburg geritten sind. In der Herabreise des Berges haben wir kaum zwei Stunden zugebracht und also gleich um 10 Uhr gegen Mittag unten angelangt, da wir denn nicht allein schönen hellen Sonnenschein, sondern vornehmlich eine starke Hitze unten vor uns gefunden und also dieselbe Luft der obersten auf dem Berge ganz unvergleichlich gewesen etc.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gewöhnlichste Version der Sage von dem Hexentanze auf dem Berge hier oben im Munde des Volks ist nun die, daß wenn der Monat April mit seinen Schneeschauern und letzten Resten des Winters vorüber ist, in der Nacht vom letzten April zum ersten Mai von allen Seiten und Richtungen die Hexen zum Blocksberge eilen. Da ist ein wildes Gedränge und weil es der Eile bedarf, so tragen die Füße sie nicht schnell genug, sie kommen also durch die Luft den Berg herangezogen, von oben, von unten, auf Ofengabeln, Streichbesen und Ziegenböcken, aus dem Walde und hinter dem Berge hervor. Wahrscheinlich führen sie die Ofengabeln, um das Feuer anzuschüren, die Streichbesen aber, um den Schnee wegzukehren, der am ersten Mai den Brocken noch bedeckt. Wie schwarze Wolken verdunkelt ihre Schaar noch mehr die dunkle Nacht. Die Luft selbst wird unruhig und jagt im Wirbelwinde das Gewölk von Berg zu Berg. Bald flackert aber ein lustiges Feuer hoch empor. Der Teufel besteigt dann seine Kanzel und predigt vor der glänzenden Versammlung der Hexen und Zauberer. Diese führen nun um ihn im wilden Rausche einen Reigen auf und schwingen hoch die flammenden Feuerbrände bis zur Ermattung. Während dem hat der Teufel ihnen auf dem Hexenaltar ein Mahl bereitet und aus dem Hexenbrunnen trinken sie. Wenn die Morgenröthe sich naht, so verschwindet wieder allmälig der Höllenspuk und wie die Hexen und Zauberer gekommen sind, so reiten sie wieder von dannen und bald ist ihre Spur verloren, ja einander befreundet haben sie sich dort oft selbst nicht gekannt. Etwas anders stellt das berüchtigte Holzschnittbild, welches sich bei Prätorius&#8216; Blocksbergsverrichtung findet, den Hexensabbath dar. Ganz oben auf der Kuppe des Berges sitzt ein Dudelsacksbläser auf einer Tonne, hinter ihm bläst ein anderer Musikant auf einem Kuhhorne, weiter unten sitzt auf einem hölzernen dreibeinigen Stuhle ein Bock, dem eine Hexe den Hintern küßt, und um den Platz selbst geht ein Reigen, wo ein Paar nach dem andern, Teufel und Hexen mit Ofengabeln, Fackeln und Blasinstrumenten, hinter einander tanzen, theilweise in sehr obscönen Stellungen. In der Luft schweben Hexen und Böcke, der Mond scheint und rechts unten sitzt eine Hexe von phantastischen Thieren umgeben und rührt einen von Feuer umgebenen Kessel. Die Teufelskanzel oben auf der Fläche des Brockens, der Hexenaltar, von dem aber freilich eine Steinplatte von muthwilligen Leuten herabgestürzt ward, sowie der Hexenbrunnen, ein in der Nähe des Wohngebäudes befindlicher, vom Regen ausgehöhlter Stein, in dem sich die Hexen angeblich bei ihrer Ankunft wuschen und in dem das Wasser wie Blut aussieht und nie austrocknet, sind noch vorhanden.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-a8ccd7b3 gb-headline-text">Der Hexensabbath auf dem Brocken</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein preußischer Soldat aus Wernigerode kam nach Flandern. Im Quartier wird er gefragt, wo er her sei. Er sagte: »Ich bin am Blocksberge zu Hause.« Da sagte Jemand: Nun im Drübeckschen ist ein Pfeiler, daran steht mein und Deines Bruders Namen. Wir hüteten als Jungen die Schafe und unterhielten uns oft, wie viel Hexen es in unserem Orte wohl geben möchte. Am 12 Mai, von welchem Tage an die Hirten am Harz ins Gebirge treiben und nicht mehr auf den Wiesen hüten dürfen und der der Walpurgistag am Harz ist, machten wir einen Kreis von Drachenschwanz oder Schlangenkraut, auch Hörnkenkraut genannt, um uns her. Um 11 aber kamen die Hexen auf Besen, Heugabeln u.s.w. an, zuletzt aber fuhr unsere Nachbarin auf einem Fuder Heu ohne Pferde daher. »Nawersche, nehmt uns midde« riefen wir. »Ja, Jungens, sett üch op«, rief sie. Das thaten wir, nahmen aber den Kranz mit auf das Fuder und steckten ihn um uns her. »Jungens«, sagt sie, »nu sett üch wißt (fest)« und da geht&#8217;s davon als wie ein Vogel fliegen thut. Als wir wieder zur Besinnung kamen, waren wir auf einem hohen Berge, da waren große Feuer, viele Gäste auf Gabeln und Ziegenböcken, und es wurde getanzt und es war allda die schönste Musik. Einer, der der Satan war, hatte zwei große Hörner auf dem Kopfe, ordnete die Tänze an und danach spielte er selbst mit. Die Alte war abgestiegen, wir Jungen aber zogen auf dem Heuwagen unsere Schallmey heraus und spielten auch mit. Nun kam der mit den Hörnern zu uns und sprach: »Jungens, ihr könnt ja prächtig spielen, ich will euch ein besseres Instrument leihen«. Da warf er uns eine andere Schallmey in den Kreis, die ging nun aber ganz prächtig, da huckten die alten Hexen wie die Stube hoch und freuten sich ordentlich. Als wir nun so eine halbe Stunde gespielt hatten, winkte er und wir mußten Halt machen. Da knieten Alle vor dem Hexenaltar, dann nahm der mit den Hörnern aus dem Hexenbrunnen Wasser, goß auch zwei Eimer in das Hexenwaschbecken, daraus mußten sie sich Alle waschen und wurden auch von ihm damit besprengt. Dann ging der Tanz wieder an und um 12 Uhr war Alles verschwunden, wir Jungen aber saßen in ihrem Kranz von Kraut auf der glatten Erde. Da kam der Anführer und fragte, was wir für unser Spielen haben wollten, wir aber baten nur um die Schallmey. »Die sollt Ihr behalten«, sagte er. »Am andern Morgen aber sahen wir, daß es eine alte Katze war, das Mundstück war der Schwanz, den hatten wir kurz und klein gekaut. Jetzt gingen wir herunter und kamen erst nach Drübeck, wo wir unsere Namen an die Säule schrieben. Meinen Bruder tötete die Hexe, weil er in unser Dorf zurückkehrte, ich aber hütete mich vor ihr und ging hierher.« Die Säule hat mit den Namen im Kreuze zu Drübeck gestanden, bis dort ein großer Bau vorgenommen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein junger Bursch setzte sich auf den Kreuzweg, um in der Mainacht die Hexen auf den Brocken ziehen zu sehen. Er machte sich aber einen Kranz um Kopf und Leib und hatte sich über und über mit braunem Dust und Baldrian umwunden. Die Hexen kamen auf Enten und Gänsen, schurrten in Mulden, ritten auf Ofengabeln und Mistgrepen, und zuletzt kam die letzte&nbsp;und oberste Hexe, die sagte: »Härrest Du nich braunen Daust un Faldrian, Sau woll ik üwel mit dik de Klange gahn.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Walpurgis- oder Wolpersnacht stellen die jungen Burschen den Mädchen Besen vor die Tür und necken sie dann am Morgen mit dem Hexenritt. Man reitet aber auch auf Bäumen und Butterfässern in der Mainacht nach dem Brocken. Die Hexen tanzen dann in der Walpurgisnacht den Schnee auf dem Brocken weg. Sie reiten dahin auf Ziegenböcken und abgenutzten Thieren, auch auf Pferden. Von den Weißdornen, woran das sogenannte Moldenbrod wächst, springen in der Walpurgisnacht die Spitzen weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Walpurgisabend blieb ein Bräutigam so lange bei seiner Braut, daß sie ihm gestehen mußte, sie hätte nun nicht mehr Zeit, weil sie nach dem Brocken fahren müßte. »So will ich auch mit«, sprach der Bräutigam. Da gingen sie mit einander auf den Hof und dort stand schon ein Puterhahn und wartete auf das Mädchen, dies setzte sich recht fest auf und der Bräutigam setzte sich hinter sie. Nicht lange dauerte es, so waren sie auf dem Brocken und es waren so viele Menschen da, daß der Bräutigam sich schier darüber verwunderte, wollte aber mit der Sache nichts weiter zu tun haben, und weil er auch totmüde geworden war von dem Ritt, so wies ihm seine Braut ein schönes Gardinenbett, darin sollte er sich niederlegen und schlafen. Also that er auch, als er aber am andern Morgen erwachte, lag er auf der bloßen Erde in einem alten Pferdegerippe, das war das Gardinenbett gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist einmal ein Bräutigam gewesen, der hat eine Braut gehabt. Die Braut aber und ihre Mutter waren beide Hexen. Als nun der Tag kam, an welchem die Hexen nach dem Brocken wandern, gingen die beiden Hexen auf den Heuboden, nahmen ein kleines Glas und tranken daraus, da waren sie auf einmal verschwunden. Der Bräutigam, welcher ihnen nachgegangen war, dachte: »Solltest auch einmal aus dem Glase trinken.« Er nahm also das Glas vor den Mund und nippte davon, da war er mit einem Male auf dem Brocken und fror, denn es war kalt. Ein Glas hatte er nicht mitgenommen und mußte deshalb den Rückweg zu Fuß antreten. Nach einer langen und beschwerlichen Reise kam er endlich wieder bei seiner Braut an, aber die war sehr böse und auch die Mutter zankte viel mit dem Bräutigam darüber, daß er aus dem Glase getrunken hatte. Mutter und Tochter kamen endlich überein, den Bräutigam in einen Esel zu verwünschen, welches denn auch geschah. Der arme Bräutigam war nun also ein Esel geworden und ging betrübt von einem Hause zum andern und schrie: Ija! Ija! Da erbarmte sich ein Mann über den Esel, nahm ihn in seinen Stall und legte ihm Heu vor; aber der Esel wollte es nicht fressen; da wurde er mit Schlägen aus dem Stalle getrieben. Nach langem Umherirren kam er einmal wieder vor das Haus seiner Braut, der Hexe, und schrie recht kläglich. Die Braut sah ihren vormaligen Bräutigam, wie er mit gesenktem Kopfe und herabhängenden Ohren vor der Thür stand. Da bereute sie, was sie getan hatte und sprach zum Esel: »Wenn ein Kind getauft wird, so stelle Dich vor die Kirchtür und laß Dir das Taufwasser über den Rücken gießen, dann wirst Du wieder verwandelt werden.« Der Esel folgte dem Rath seiner Braut. Am nächsten Sonntage wurde ein Kind getauft, da stellte sich der Esel vor die Kirchtür. Als die Taufhandlung vorbei war, wollte der Küster&nbsp;das Taufwasser wegschütten, aber der Esel stand ihm im Wege. »Geh, alter Esel«, sprach der Küster; aber der Esel ging nicht; da wurde der Küster ärgerlich und goß ihm das Wasser über den Rücken. Nun war der Esel erlöst, ging zu seiner Braut und heirathete dieselbe und lebte recht glücklich mit ihr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diejenige Hexe, so in der Walpurgisnacht sich verspätet hat und zu langsam gekommen ist, muß sich zur Strafe als einen Hackeblock gebrauchen lassen, darauf der Teufel das Fleisch zu den Würsten, die zur Fresserei gebraucht werden, hacken läßt.<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/Gr%C3%A4sse,+Johann+Georg+Theodor/Sagen/Sagenbuch+des+Preu%C3%9Fischen+Staats/Erster+Band/Der+Harz/531.+Der+Hexensabbath+auf+dem+Brocken#fn622">622</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es giebt noch eine Beschreibung von einem solchen Hexensabbath, welche der Verfasser der hundstäglichen Erquickstunden (Th. I. c. 18) aus eigenem Anschauen gegeben hat, freilich sagt er nicht, ob er auf dem Blocksberg selbst gewesen sei.<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/Gr%C3%A4sse,+Johann+Georg+Theodor/Sagen/Sagenbuch+des+Preu%C3%9Fischen+Staats/Erster+Band/Der+Harz/531.+Der+Hexensabbath+auf+dem+Brocken#fn623">623</a>&nbsp;Er erzählt, es sei in der Nacht ein Geist zu ihm gekommen, habe ihn geweckt und durch einen schönen grünen Wald auf eine überaus große und schöne, mit lieblichen Blumen gezierte Wiese oder Matte geführt, da habe er ihn sich auf einen grünen dicken Eichstamm setzen heißen und gesagt: »Fürchte Dich nicht! Du wirst allhier große Sachen sehen, die Du sonst niemals gesehen hast, schweige aber still, ich will Dich ohne Gefahr oder Nachtheil wiederum in Deine Kammer liefern.« Dieser Platz oder Wiese war nun aber nicht allein mit schönen Tapezereyen, gedeckten Tischen, Bänken und großen Herrnsesseln, Leuchtern, Kandeln, Bechern, Schüsseln, Tellern auf einem Nebentisch und aller Bereitschaft, welche zu einem herrlichen Banquet gehört, sondern auch mit absonderlichem auf der Wiese aufgeschlagenen und gleichergestalt mit Tapezereyen berähmten Theatrum, gleich einem Lust- oder Tanzhause wohl zugerichtet, darauf dann unter andern auch ein überaus köstlicher Sessel, etwas in die Höhe aufgeschlagen und etwa eine Elle hoch von der Erde erhöhet sich befand, aber sonst Niemand dabei. Plötzlich sah ich aber den ganzen vor ihm stehenden Platz mit solchem Glanz und Feuer umgeben und erfüllt, daß ich vermeinte, der ganze Platz stehe im Feuer, welches aber bald nachließ. Jedoch hingegen war der Platz mit einer solchen Menge von Pechlichtern erfüllt und erhellt, daß ich Alles, was darauf vorging, eigentlich sehen konnte. Erstlich nun ersah ich das Theatrum und darauf einen erhöhten Sessel, auf welchem ein ungeheurer Bock mit großen Hörnern und erschrecklichem Angesicht neben noch andern Böcken auf den Nebensesseln zu beiden Seiten saß. Bald kam auch eine große Menge Weiber und Männer als ein Kriegsheer auf dem Felde daher, ein Theil auf Böcken, ein Theil auf großen Hunden und ein Theil auf Stecken geritten (unter welchen dann diejenigen, so auf Hunden geritten kamen, vor allen Andern stattlich bekleidet waren), welche alle dem Theatrum zueilten und darauf sich einstellten und mit zusammengeschlagenen Händen niederfielen und den großen Bock anbeteten, wie auch ihm zu Ehren etliche, sonderlich die Männer Pechkerzen, der Weiber aber eine große Anzahl die Nabel junger Kinder herbeibrachten und aufopferten, auch gottlose Ceremonien mit Weihwasser und andern heiligen Sachen, in Despect der christlichen Ceremonien dabei trieben und den Bock anbeteten. Nachdem nun die zugerichteten Tische&nbsp;allgemach mit Speise und Trank versehen waren, setzten sich die Gäste sämmtlich zu Tische und nahmen nach der Dignität eine jede Person ihre Stelle ein, dergestalt Buhlen sich gegenüber gleicherweise setzten. Die Speisen waren unterschiedlich, zum Theil köstlich, zum Theil schlecht, neben vielen Weinen in großer Menge vorhanden, welche die Geister oder Hexenbuhler anders woher gestohlen herbeigebracht hatten. In Summa, es war Alles bestellt, als wenn es eine ansehnliche Gasterei geben würde. Etliche schlechte Weibs- und Mannspersonen standen vor den Tischen als Aufwärter, darunter etliche arme Weiber allda standen, das Unterste nach oben gekehrt, sich für Leuchter zu gebrauchen, und ward eine Musik oder vielmehr ein Geheul von weitem her gehört, doch bisweilen ward dies auch als eine liebliche Musik gehört. Es waren auch unter dem Haufen etliche, sowohl Manns- als Weibspersonen, welche sich nicht eher zu Tische setzen durften, bis sie dem Teufel (welcher auf einem hohen Sessel an der Tafel, dann in Gestalt eines großen Hundes, dann eines Bockes, dann eines Fürsten sich präsentirte) Ehre erzeigt und Erlaubniß zu Tische zu setzen bekommen hatten. Wann diese bisweilen in ihrer auferlegten Verrichtung nachlässig gewesen, mußten sie also zuvor, ehe sie zu der Fröhlichkeit gelangen durften, Gott lästern und dann wurden sie erst zur Fröhlichkeit neben andern zugelassen, wenn sie demüthig um Verzeihung gebeten hatten, darbei denn wunderliche Stellungen gebraucht wurden. Etliche schlugen die Hände zusammen, etliche bückten sich mit dem Angesicht zwischen ihre Beine hinter sich, daß sie anstatt des Angesichts mit ihrer angeborenen Scham den Himmel ansahen und andere Greuel trieben. Ehe nun die Mahlzeit recht anfing, mußten sie vor dem Tische ihr Gebet zum Teufel tun und ihn anbeten, welches sie auch, als die Mahlzeit vollendet war, wiederholen mußten, dem Teufel die Ehre anzutun, damit sie allein den Teufel anbeteten und für die Mahlzeit dankten. Dieser angestellten Gasterei wohnten die Teufel bei, etliche in offenbarer und unverdeckter, etliche in verdeckter und vermummter Gestalt, und hatten sich derer etliche mit einem Leingewand, andere mit einem andern Decktuch, andere in fremder unbekannter Person verkleidet. Hienächst wendet sich der Bock herum und zeigt sich der ganzen Versammlung von hinten; er hatte einen mächtigen Schwanz, den mußten sie zur Confirmirung ihrer Huldigung küssen. Ich konnte hierbei nicht stillschweigen und fragte einen Geist, wie dieses zu verstehen sei. Da sprach der Geist zu mir: »Den Du als einen Bock ansiehst, den sehen nicht alle in solcher scheußlichen Gestalt an, sondern nur diese, welche schon lange bei der Zauberei gewesen und darin also bestätigt sind, daß kein Abfall von ihnen zu Gott mehr zu befürchten ist. Die Ankömmlinge aber, die Du allhier in großer Menge siehst und an welchen noch zu zweifeln, ob sie beständig verbleiben möchten, die werden und sind verblendet und sehen ihn allda nicht in eines Bockes Gestalt sitzen, sondern sie vermeinen, sie sehen ihn an, als wenn er ein großer Fürst wäre und wenn sie seinen Hintersten küssen, so meinen sie, sie küssen ihm die Hände.« Nach vollendeter Mahlzeit behielten auch die Geister ihre fremde angenommene Gestalt und es ergriff ein jeder Geist seine ihm anvertraute Schülerin bei der Hand, fing an mit derselben zu tanzen, welcher Tanz mit ganz widerlichen und seltsamen abenteuerlichen Geberden verrichtet ward, denn die Rücken kehrten sie aneinander, die Hände schlossen sie in einen gerundeten Kreis zusammen, die Köpfe schlugen sie und&nbsp;warfen sie gleich den Wahnsinnigen und Närrischen gegen einander. Etliche hielten brennende Windlichter in den Händen und neigten sich zuvor vor ihrem Teufel und küßten ihn und sangen demselben zu Ehren garstige und unfläthige Lieder. Einer von den Teufeln saß auf einem doppelt gespaltenen Baum, schlug auf die Trommel, der andere setzte sich zu ihm und spielte auf der Pfeife und machte den Andern einen lustigen Tanz. Ja es ging so seltsam und wunderlich durch einander, daß man es nicht wunderlicher hätte erdenken mögen. Nachdem alle Lustigkeit ein Ende hatte und es Zeit zu schlafen, gingen die Teufel und Hexen zu Bette. Nach Verlauf einer Stunde erhoben sie sich aber wieder von ihrem Lager, da denn ihr Morgengebet war, daß sie alle die von ihnen verübten Bubenstücke und Zaubereien erzählten. Welche nun die allerschrecklichsten und meisten Schandthaten auf die Bahn brachten, die wurden von den Teufeln am meisten gelobt; war es aber, daß einer nichts zu sagen wußte, oder doch nur schlechte und geringe Dinge anführte, ward derselbe vom Teufel oder einem der ältesten und erfahrensten Zauberer heftig zerschmissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Original: <strong>Johann Georg Theodor Grässe</strong>, Sagenbuch des preußischen Staates</p>



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		<title>Sagen rund um den Kyffhäuser</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Jun 2021 16:09:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Sechs Meilen von Erfurt, wo im Jahre 1170 und 1180 Kaiser Friedrich Barbarossa Weihnachten feierte und wo er 1181 einen Reichstag hielt, erhebt sich am südlichen Abhange des Harzes in der sogenannten güldenen Aue der Kiffhäuser-Berg, der auf Artern, Sangerhausen, Wallhausen, Roßla und Stollberg herabsieht und an seinem Fuße das Städtchen Kelbra und die Dörfer Tilleda ... <p class="read-more-container"><a title="Sagen rund um den Kyffhäuser" class="read-more button" href="https://www.deutschesagen.de/sagen-rund-um-den-kyffhaeuser/#more-584" aria-label="Mehr Informationen über Sagen rund um den Kyffhäuser">Continue</a></p>]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Sechs Meilen von Erfurt, wo im Jahre 1170 und 1180 Kaiser Friedrich Barbarossa Weihnachten feierte und wo er 1181 einen Reichstag hielt, erhebt sich am südlichen Abhange des Harzes in der sogenannten güldenen Aue der Kiffhäuser-Berg, der auf Artern, Sangerhausen, Wallhausen, Roßla und Stollberg herabsieht und an seinem Fuße das Städtchen Kelbra und die Dörfer Tilleda und Sittendorf hat. Seinen Namen trägt er von den Trümmern einer uralten kaiserlichen Pfalz- und Reichsburg und erregt in diesen zwei hohen Turmmauern noch Bewunderung. Ohnstreitig bezeichnete sein Name Kyff-Haus ursprünglich: Streitburg, von dem veralteten Kiff maken, d.h. zanken, streiten, das sich noch in unserem Worte »keifen« erhalten hat. Von diesem Berge gehen nun verschiedene Sagen um.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-49c35b82 gb-headline-text">Der verzauberte Kaiser im Berg</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Bergmann, der still und fromm für sich lebte, ging einst am dritten Ostertag auf den Kiffhäuser. Da fand er an der hohen Warte einen Mönch sitzen, mit einem langen weißen Barte, der ihm bis aufs Knie reichte. Als dieser den Bergmann sah, machte er ein großes Buch zu, worin er las, und sagte freundlich zu ihm: »Komm mit mir zum Kaiser Friedrich, der wartet schon seit einer Stunde auf uns. Der Zwerg hat mir schon die Springwurzel gebracht.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dem Bergmann grauste es über seinem ganzen Körper; doch der Mönch sprach ihm so tröstlich zu, daß er ganz freudig mitging und ihm versprach, keinen Laut hören zu lassen, es möchte auch kommen, was da wolle. Sie gingen nun auf einen freien Platz, der ringsum von einer Mauer umschlossen war. Da machte der Mönch einen großen Kreis mit seinem Krummstabe und schrieb wunderbare Zeichen in den Sand. Dann las er lange und laut Gebete aus dem großen Buche, die der Bergmann aber nicht verstand. Endlich schlug er mit seinem Stabe dreimal auf die Erde und rief: »Thue dich auf!«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da entsteht unter ihren Füßen ein dumpfes Getöse, wie bei einem fernen Gewitter; es zittert unter ihnen die Erde. Und nun sinkt der Bergmann mit dem Mönch, der seine Hand gefaßt hat, mit dem Boden, so weit der Kreis umzeichnet war, ganz in die Tiefe hinab. Sie treten hinunter und der Boden steigt wieder langsam herauf. Nun waren sie in einem großen Gewölbe. Der Mönch geht mit festen Schritten voran, der Bergmann mit zitternden Knieen hinterher. So gehen sie einige Gänge hindurch, bis es anfängt ganz dunkel um sie her zu werden. Bald aber finden sie eine ewige Lampe und sehen, daß sie sich in einem geräumigen Kreuzgang befinden. Der Mönch steckt hier zwei Fackeln an, für sich und seinen Begleiter. Sie gehen fort und mit einem Male stehen sie vor einem großen eisernen Kirchentor. Der Mönch betet, hält die Springwurzel, vor der alle bezauberten Riegel aufspringen, an das Schloß und ruft: »Oeffne dich, Thür!« und mit Donnerkrachen springen alle die eisernen Riegel und Schlösser von selbst auf und sie sehen vor sich eine runde Kapelle. Der Boden war spiegelglatt wie Eis und wer nicht keusch und züchtig gelebt hatte (so sagte nachmals der Mönch dem Bergmann), brach hier beide Beine und kam nie zurück. Die Decke und die Seitenwände des runden Gewölbes flimmerten und flammten beim Schein der Fackeln. Große Zacken von Krystall und von Diamanten hingen da herab und zwischen ihnen noch größere Zacken von gediegenem Golde. In der einen Ecke stand ein goldener Altar, in der andern ein goldenes Taufbecken auf silbernem Fuß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mönch winkte nun seinem Begleiter, gerade in der Mitte stehen zu bleiben, und gab ihm in jede Hand eine Fackel. Er selbst ging zu einer ganz silbernen Thür, klopfte dreimal mit dem Krummstabe an und die Tür sprang auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tür gegenüber saß auf einem goldenen Throne der Kaiser Friedrich I. Barbarossa, nicht etwa aus Stein gehauen, nein! wie er leibte und lebte, mit einer goldenen Krone auf dem Kopfe, mit dem er beständig nickte, indem er die großen Augenbraunen zusammenzog. Sein langer rother Bart war durch den steinernen Tisch, der vor ihm stand, durchgewachsen und reichte ihm bis auf die Füße herab. Dem Bergmann verging Hören und Sehen über dem Anblick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich kam der Mönch zurück und zog seinen Begleiter schweigend fort. Die silberne Pforte schloß sich von selbst wieder zu; das eiserne Thor schlug mit schrecklichem Geprassel hinter ihnen zusammen. Als sie den Kreuzgang hindurch wieder in die vordere Höhle kamen, senkte sich langsam der kreisrunde Boden herab; Beide traten darauf und wurden sanft in die Höhe gehoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oben gab der Mönch dem Bergmann zwei kleine Stangen von einem unbekannten Erz, die er aus der Kapelle mitgebracht hatte und die seine Enkel noch jetzt zum Andenken aufbewahren. Nach einer andern Sage hätte der Mönch diese Stangen aber von dem alten Kaiser selbst erhalten und wären dieselben nicht von besonderem Erz, sondern von Golde gewesen und nach und nach von dem Bergmann und seiner Familie eingeschmolzen und der Erlös verbraucht worden.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-5a0c3736 gb-headline-text">Der Hirte und der Kaiser Friedrich</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schäfer und Hirten, welche auf dem Kiffhäuser weiden, sind besonders die Günstlinge des Kaisers gewesen und dessen Pagen und Hofjunker, die in Zwerge, Mönche und andere verkrüppelte Gestalten verwandelt wurden<a href="http://www.zeno.org/Literatur/L/Gr%C3%A4sse-Preu%C3%9Fen+Bd.+1">,</a> haben sich stets gern mit ihnen abgegeben. Einem Hirten, der einst, an das alte Gemäuer der Burg gelehnt, sich ein lustiges Liedchen pfiff, erschien auf einmal solch ein kaiserl. Hofdiener und frug ihn: »Willst Du Kaiser Friedrich sehen?« »O ja!« erwiederte der dreiste Hirt. Der Zwerg führte ihn nun in den Berg, der sich immer vor ihnen her öffnete, bis sie endlich an eine große weite Grotte kamen. Hier saß der Kaiser leibhaftig in glänzendem hellfunkelndem Schmuck. Die Wände der Grotte waren mit flimmernden Sternchen übersäet, und vor dem Kaiser auf einem steinernen Tische brannte ein großes dickes Licht. Der Schäfer machte eine Verbeugung so gut er konnte, war aber gar nicht furchtsam, schaute vielmehr umher und besah alle die Kostbarkeiten, die hier standen. Nach einer Weile fragte ihn der Kaiser, ob die Raben noch um den Berg flögen. »O ja«, erwiederte der Hirt. Da blickte der Kaiser gen Himmel, hob langsam seine dürren braunen Mumienhände auf und sprach mit weinerlicher Stimme: »Ach, so muß ich noch hundert Jahre an diesem Orte schlafen!« Der Zwerg winkte hierauf dem Schäfer. Sie gingen zurück, er erhielt aber nichts. Unwillig wollte er schon den Zwerg darüber zur Rede setzen, aber fort war er.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-26e943b5 gb-headline-text">Die Musikanten und der Kaiser</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kaiser Barbarossa liebte die Musik sehr; mancher Hirt, der auf dem Kiffhäuser auf seiner Schalmei blies, wurde schon zu ihm eingeladen, um ihm etwas vorzublasen, und dann beschenkt. Dies war in der Gegend bekannt. Eine Gesellschaft Musikanten beschloß daher, dem Rothbart eine vollständige Nachtmusik zu bringen. Sie machten sich also in einer finstern Nacht auf, stiegen mit ihren Geigen, Schalmeien, Zimbeln und Hörnern den Berg hinan, und als unten in Tilleda die Glocke zwölf schlug, bließen sie los. Beim zweiten Tanze, den sie spielten, kam die Prinzessin (eine Tochter Friedrichs) mit Lichtern in der Hand auf sie zugetanzt und lud sie durch Geberden ein ihr zu folgen. Der Berg öffnet sich und die ganze Gesellschaft zieht spielend ein. Essen und Trinken wird reichlich aufgetischt und die Musikanten lassen sich&#8217;s gut schmecken. Dies war nun zwar ganz gut, aber sie wollten auch gern etwas von den Edelsteinen haben, die nur so herumlagen. Allein Niemand bietet ihnen etwas an. Nicht ganz zufrieden brechen sie endlich auf, als schon der Morgen graut, meinend, beim Abschiede werde es wohl ein Trinkgeld geben. Allein der Kaiser nickt ihnen nach großer Herren Art nur freundlich zu und seine erlauchte Tochter giebt jedem Musikanten einen grünen Busch. Ehrenhalber nimmt ihn Jeder an, als sie aber wieder im Freien sind, werfen sie die Büsche weg und schimpfen und lachen über solch ein kaiserliches Geschenk. Nur Einer behält den Busch, um ihn zum Andenken aufzuheben. Als dieser nach Hause kommt und seinem Weibe den Busch aus Scherz überreicht, siehe, da hatten sich alle Blätter in goldene Zehnthalerstücke verwandelt, worüber er nicht wenig erfreut erschrack, es flugs seinen Kameraden sagte, ihre weggeworfenen Büsche wiederzuholen, aber Keiner fand einen solchen mehr.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-d1bf8424 gb-headline-text">Der Kaiser und der geizige Bauer</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Einst fuhr ein Bauer in Gehofen mit einem Wagen voll Getreide nach Nordhausen, um es da zu verkaufen. Die Tage waren schon kurz, die Wege schlecht, die armen Pferde keuchten unter der drückenden Last nur langsam fort und immer öfter mußten sie ruhen. Der Bauer zweifelte natürlich daran, den Abend noch nach Nordhausen zu gelangen, tröstete sich aber damit, daß er doch wenigstens Kelbra erreichen und hier die Nacht bleiben könne. Allein der Weg ward schlecht und immer schlechter, in der Gegend des Kiffhäusers ward er geradezu grundlos und plötzlich sank der Wagen mit seinen Vorderrädern in eine Vertiefung, aus welcher die matten Thiere ihn nicht zu ziehen vermochten, trotz Fluchens, Peitschens und Tobens. Da nun der Bauer sah, daß er ohne Hilfe absolut nicht weiter kommen könne, fiel er auf die Kniee und betete ein Vaterunser. Kaum war er wieder aufgestanden, so sah er vom Kiffhäuserberge herab ein Licht kommen, das sich gerade auf ihn zuwendete. »Ach«, rief er aus, »da schickt mir Gott durch Kaiser Friedrich Hilfe!« Und so war es auch, bald war das Lichtlein bei ihm, aber wer trug es? ein kleines knurzeliches Männchen, hinten und vorn mit Höcker begabt, alt und faltig. »Kann ich Dir helfen?« sprach es. »Ja, mein Lieber«, antwortete Christoph – so hieß der Bauer, – »Hilfe habe ich nöthig, aber Du wirst mir wohl nicht helfen können!« und sah dabei das Männchen mitleidig an. »Das kann man nicht wissen«, entgegnete dieses, »ich will es wenigstens versuchen!« Dabei sprang er wie ein Windspiel auf den Wagen, nahm Zügel und Peitsche, hieb auf die Pferde ein und rief: »fort!« und dorthin rollte zum Erstaunen Christophs der schwere Wagen, als sei er auf dem ebensten Wege. Schon naheten sie sich dem Oertchen Kelbra, da fragte das Männchen den Bauer: »Willst Du nicht Dein Getreide verkaufen?« »Warum dies nicht!« erwiederte dieser. »Nun, so fahren wir links auf den Kiffhäuser«, und damit lenkte das Männchen links nach dem Berge zu. Es hielt den Wagen vor einer in den Berg führenden Oeffnung an und hieß Christoph abladen und die Säcke dahinein bringen. Der Bauer that&#8217;s auch, drinnen aber, wo er die Säcke niedersetzte, standen viele Kisten und Kästen, alle mit Gold und Silbergelb angefüllt. Er staunte ob des Reichtums und Ueberflusses, und jedes Mal, wo er einen Sack niedersetzte, blieb er eine Weile die Schätze anstaunend stehen. Jetzt trug er den letzten hinein; da sprach das Männchen: »Nun kannst Du Dir aus den Kästen so viel Gold und Silber nehmen, als Du für Dein Getreide in Nordhausen gelöst hättest. Nimm aber nicht mehr, hörst Du, nicht mehr!« Christoph ließ sich dies nicht zweimal sagen, flugs ging er zu einem der Kasten, der nur Goldstücke enthielt, griff mit vollen Händen hinein und steckte bei, soviel nur seine Taschen fassen wollten, indem er dachte, das Männchen wisse viel von den Getreidepreisen in Nordhausen. Er kehrte hierauf zu seinen Pferden zurück, bei denen das Männchen stand, reichte ihm die Hand und sprach: »Danke schön, Vetter, wenn Ihr&#8217;s erlaubt, komme ich bald wieder!« »Du hast doch nicht mehr genommen«, erwiederte das Männchen, »als ich Dir gesagt?« »Nein, nicht mehr!« »Gewiß nicht mehr?« fragte es nochmals mit betonter Stimme. »Nein, Vetter! Aber nun gute Nacht, ich will nun machen, daß ich die müden Pferde in den Stall bringe.« »Gute Nacht!« sprach das Männchen, »doch hast Du mich betrogen, hast Du Dich betrogen!« Kaum konnte der Bauer erwarten, bis er im nächsten Dorfe sich einquartiert und die Pferde in den Stall gebracht hatte. Dann ging er in seine Kammer, die ihm zur Ruhe angewiesen war, setzte sich an den Tisch, um zu zählen, wie viel er beigesteckt habe, und um seine Taschen, die ihm immer schwerer zu werden dünkten, zu leeren. Allein wie ward ihm, als er statt der Goldstücke nichts als bleiernes Geld sah! Das war nun freilich kein geringer Schreck, allein er tröstete sich damit, daß er doch den andern Morgen früh wieder auf den Berg gehen und dem kleinen Männchen sagen könne, er habe sich vergriffen und Blei für Silber gehalten, er möge ihm also dieselben wieder umtauschen, dann habe er ja immer noch das Doppelte für sein Getreide. Beruhigt durch diese Hoffnung legte er sich nieder und schlief, bis die Sonne schon den Kiffhäuser Burgthurm röthete. Da sprang er vom Lager auf und eilte den Berg hinan. Schon unten am Fuß desselben begann es zu regnen und je höher er stieg, desto mehr trübte sich der Himmel, immer dichter und dichter regnete es nieder, und als er oben war, umgab ihn dichter Nebel. Er sah nichts und hörte nichts. Sein Rufen nach dem Männchen war umsonst, er mochte noch so viel hin- und herlaufen. Da kehrte er im höchsten Ingrimm um und machte seinem Aerger durch die Worte Luft: »Hol der Teufel den Rothbart mit seinem ganzen Hofgeschmeiß!« Kaum ausgesprochen, wankte der Boden unter seinen Füßen, es donnerte, blitzte, krachte und hagelte, der Bauer lief zwar schnell hinab, allein um ihn her türmten sich Felsen auf, umschlossen ihn, stürzten mit Geprassel zusammen und zerschmetterten den Lügner und Habsüchtigen.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-f585ca88 gb-headline-text">Der gealterte Brautpaar</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Tilleda wohnte ein armer, aber frommer Tagelöhner. Seine Tochter war Braut von einem ebenso dürftigen und redlichen Handwerker. Morgen sollte die Hochzeit sein. Die Gäste waren geladen, aber Niemand hatte daran gedacht, daß im ganzen Hause nur ein Topf, eine Schüssel und zwei Teller waren. »Was machen wir?« hieß es, und Keiner wußte Rath. Endlich sagte der Vater halb im Scherz, halb im Ernst: »Ei, geht auf den Kiffhäuser, vielleicht leihet Euch die Prinzessin Alles!« Das Brautpaar geht wirklich hin; vor einer Oeffnung des Berges steht die Prinzessin. Sie nahen sich ihr mit Knixen und Bücklingen und bringen ihr Anliegen schüchtern vor. Die kaiserliche Hoheit lächelt und befiehlt zu folgen, worüber Hans und Grete außer sich vor Freude sind. Die Prinzessin giebt ihnen nun erst zu essen und dann packt sie ihnen mit ihren eigenen unverwelklichen Händen einen großen Tischkorb voll Teller, Schüsseln, Löffel etc. auf. Die beiden Brautleute bedanken sich schönstens, versprechen, morgen Alles unversehrt zurückzuliefern und auch etwas Reisbrei und Hochzeitskuchen mitzubringen. Wie eilten sie, nach Tilleda zu kommen, so schwer auch der zugedeckte Tischkorb war. Aber wie wurde ihnen, als sie ein ganz neues Tilleda vor sich sahen. An der Stelle, wo ihres Vaters Hütte stehen mußte, fanden sie einen großen Ackerhof. Kein Nachbarhaus war ihnen mehr kenntlich; kein Baum, kein Garten war mehr da, wo sie sonst dergleichen gesehen. Lauter fremde Menschen, die sich um das Brautpaar sammelten und es mit eben der Verwunderung und Neugier ansahen, als dieses die Gaffenden betrachtete. Sie setzten ihren Korb auf die Erde und sahen sich verdutzt und verlegen an. Da kam der Prediger von Tilleda. Grete ging auf ihn zu, klagte, daß sie beide wie verrathen und verkauft unter den Leuten wären, erzählte, daß sie gestern auf den Kiffhäuser gegangen wären und was ihr und ihrem Bräutigam seitdem geschehen sei. Der Herr Pastor nahm darauf das Brautpaar mit in sein Haus, schlug das Kirchenbuch nach und fand darin angemerkt, daß Hans und Grete vor länger als 200 Jahren auf den Kisshäuserberg gegangen und nicht zurückgekehrt waren. Ob sie bei ihrer Rückkehr noch in der Frische der Jugend standen oder auch eisgrau geworden waren, sagt die Geschichte nicht.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-91436b23 gb-headline-text">Der Storkauische Hof zu Kelbra</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Unter der Rothenburg liegt das zu Preußen gehörige Städtchen Kelbra, eigentlich Kälberaue von seiner guten Kälberzucht genannt. Im Jahre 1597 bei einer Theuerung daselbst entstand unter dem hungrigen Volke ein Geschrei, es finde sich zwischen Kelbra und Auleben in einem Berge schönes und lauteres Mehl; darauf war ein großes Zulaufen auf den Straßen darnach und wollte ein Jeder solches Mehl holen und verbacken. Allein die Meisten, die davon gegessen, sind daran gestorben. Damals war hier ein Nonnenkloster, dem heil. Georg geweiht, davon sind nur noch Trümmer übrig, die Stätte aber, wo es stand, ist jetzt mit Oeconomiegebäuden besetzt und heißt der Storkauische Hof. Von da aus geht der Sage nach ein Gang hinauf bis an die Keller der Rothenburg, durch welchen man Proviant und Nachrichten hinaufschaffte. Ein Besitzer dieses Hauses soll einen Bund mit dem Teufel gemacht haben und von diesem nach Ablauf des Pactes geholt worden sein und zwar durch die Feueresse, wovon unten am Gemäuer noch die Blutspur zu sehen ist, wie der Verdammte hin- und hergeschleudert wurde.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-07b99e15 gb-headline-text">Die Sage von der Rothenburg</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Unzertrennlich von dem Kiffhäuser ist die Rothenburg, zu der sich von seinen Ruinen ein schöner breiter Weg auf dem Rücken des Gebirges herabsenkt. Zwar gehört auch sie zum Fürstenthum Schwarzburg-Rudolstadt, allein ihre Lage zwischen Nordhausen und Sangerhausen bringt sie dermaßen in Verbindung mit dem preußischen Thüringen, daß sie hier nicht gut zu übergehen ist, weil sonst die ganze Sagenreihe dieses Theils des Königreiches eine Lücke haben würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Dorfe Hackpfiffel in der Nähe der alten Rothenburg, von der ebenfalls noch die Ruinen des Hauptgebäudes und eines 80 Fuß hohen, runden, fast bis an seinen Fuß geborstenen Turmes übrig sind, lebte vor mehreren hundert Jahren ein Schulmeister, Namens Renatus, der sich viel mit den geheimen Wissenschaften beschäftigt hatte und selbst Versuche Gold zu machen angestellt hatte. Nebenbei war derselbe aber auch noch ein vorzüglicher Zitherspieler, der, wenn&#8217;s im Dorfe einen Tanz gab, aufzuspielen pflegte und wegen seiner Geschicklichkeit allgemein gesucht und beliebt war. Der geht nun einstmals hier vorbei bei dem alten Mauerwerk, als es schon angefangen hatte dämmerig zu werden, hat seine Zither auf dem Rücken hängen und will noch hinüber nach Rathsfeld, was dort jenseits des Berges liegt. Da schreit eine Riesenstimme aus dem dicken Turme heraus: »Renatus, steh!« Derselbe fährt vor Schreck in einen Klumpen zusammen, denn wenn er auch ein sehr beherzter Mann war, so kam ihm doch dieser Anruf aus der verstörten Stätte, vor der er so oft schon und selbst um Mitternacht herum ungestört vorübergegangen, gar zu unerwartet. Er bleibt stehen, sieht und hört aber nichts, will schon weiter schreiten, da schreit&#8217;s mit noch gräßlicherer Stimme: »Renatus, steh!« Er steht, zittert aber wie ein Espenlaub. Da tritt aus jener Tür dort eine große, lange, hagere Gestalt heraus, hat ein langes graues Kleid an, einen Strick um den Leib, eine hohe spitze Mütze auf dem Kopfe und vor der Brust einen schwarzen Totenkopf. Neben ihm steht ein großer, mächtiger, schwarzer Bullenbeißer mit feuerfunkelnden Augen, die sich immer hin- und herdrehen. Die Gestalt spricht: »Renatus, Dich habe ich auserkoren, ein großes wichtiges Werk zu vollbringen, denn Du bist ein Mann, der in den Sternen liest und der die verborgenen Kräfte der Erde kennt. Tritt hier in dies Gewölbe, dort findest Du ein totes Kind, dem grabe ein Grube in der Ecke und übergieb es der Mutter Erde!« Renatus verbeugt sich stumm, als wolle er tun, was verlangt werde, legt seine Zither vor der Tür nieder und tritt ein. Im Hintergrunde sieht er bei spärlichem Lichte ein totes Kind an der Erde liegen, nicht fern davon eine weibliche Gestalt, die Hände ringend und »wehe, wehe, er ist tot!« ein Mal über das andere in Thränen ausrufend. »Nun«, spricht der hagere häßliche Mann, »thue wie ich Dir gesagt habe.« Da ergreift der zitternde Schulmeister einen Spaten und beginnt die Grabesöffnung zu machen. Leicht wird ihm das in dem lockern Boden, aber dennoch ist er in Angstschweiß gebadet. Jetzt ist er fertig mit dem kleinen Grabe, da nimmt die immer noch fortwimmernde und jammernde Frau das Kind auf, wickelt es in ein feines Tüchlein und legt es in das Grab, wirft die erste Hand voll Erde auf die kleine Leiche und sinkt ohnmächtig zurück. Renatus bedeckt diese vollends mit Erde und bald ist er mit dem Grabhügel fertig. »Gut so, Renatus«, spricht der Mann, »ich bin zufrieden mit Dir. Hier ist Speise und Trank, erhole Dich. Draußen findest Du ein Roß, das besteige, es wird Dich sicher und ruhig dahin tragen, wohin Du wolltest!«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Renatus steckt in die Tasche, was er erhalten, dankt aber für das Roß, versichert, er verstehe nicht zu reiten, gehe lieber und will zur Tür hinaus. Da hält ihn der böse Mann am Arme und spricht: »Du sollst und mußt reiten, ich befehle es Dir. Das Roß ist sanft und gut, Du leidest nicht Schaden und wirst es noch oft reiten, denn es soll Dein eigen sein. Das aber sage ich Dir, berühre beim Reiten nicht die Saiten Deiner Zither, sonst bist Du verloren, hörst Du, sonst bist Du verloren, bis Dir ein weißes Roß begegnet.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Renatus nickt, als wolle er tun wie ihm befohlen, geht hinaus, nimmt die Zither und arbeitet sich mit vieler Mühe auf das ruhig stehende kohlschwarze Roß. Das geht nun sichern Schrittes fort und je länger je mehr kehrt der Muth bei Renatus zurück, glücklich nach Rathsfeld zu gelangen. Immer mehr nimmt seine Angst ab und er wird so sorglos, daß er dem Gaul die Zügel auf den Hals legt und Speise und Trank hervorholt, sich zu stärken. Gar herrlich schmeckt es ihm, denn er ist sehr verhungert gewesen, und in der Flasche, voll des besten Weines, bleibt kein Tropfen. Leer ist sie, hoch wirft er sie in die Luft und singt ein Lied voll Lust und Freude. Jetzt sieht er die Lichter in Rathsfeld und nun ergreift ihn ein Jubel, bald zu sein, wo er hin will. An den langen Mann und seine letzten Worte gedenkt er nicht mehr, greift in die Saiten der Zither und singt sich eins. Ach, wie geht&#8217;s dem armen Schulmeister da! Das Roß schnaubt und tobt, es bäumt sich, schlägt hinten und vorn aus und endlich rennt es im schnellsten Jagen vorwärts. Renatus sucht es zu halten und zu beruhigen, aber Alles umsonst. Er will sich hinunterwerfen, aber nicht los kommen konnte er, wie angefesselt ist er, und wilder und immer wilder rennt das unbändige Thier fort in&#8217;s Weite, durch Thäler und über Berge, ohne zu rasten. Renatus ringt die Hände, streckt sie gen Himmel, betet, flucht, jammert und wimmert, aber nichts hilft; das schwarze Thier rennt, er sitzt fest darauf, muß mit fort, und dabei drängt es ihn unaufhörlich, auf der Zither zu spielen, er kann es nicht lassen, so gern er auch will. So läuft das Roß zwei Nächte und einen Tag in einem fort und Renatus hängt zuletzt matt und totenbleich von ihm herab. Da steht es endlich mit Schaum bedeckt, Renatus schlägt die Augen auf, er sieht sich in einer öden Gegend und sieht, daß einer auf einem weißen Rosse auf ihn zureitet. Ehe sich dieser ihm aber ganz naht, fällt er ohnmächtig vom Gaule auf den Sand nieder. Wie lang er da gelegen, hat er nicht gewußt, als er aber erwachte, lag er in einem schönen, prächtig geputzten Bette und daneben stand ein Mann und ein bildschönes Mädchen, die wie Türken angezogen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">»Wo bin ich denn?« fragt der erstaunte Schulmeister. Da erzählt ihm das Mädchen, daß er viele tausend Meilen weit von Hackpfiffel entfernt und in Asien sei, daß er auf der Rothenburg das Werkzeug einer Frevelthat gewesen und dort ein böser Geist sich seiner bedient, um sich an Kaiser Friedrich dem Rothbart zu rächen, und da er, der Warnung ungeachtet, die Zither doch gespielt, der Spruch an ihm in Erfüllung gegangen sei, so lange zu reiten, bis ein weißes Pferd ihm begegne. Des Mädchens Vater, der ein Fürst gewesen ist, fuhr dann fort: er habe des armen Renatus Loos gekannt, seine Tochter aber, die im Zauberspiegel gesehen, wie traurig es ihm ergangen, habe aus Mitleiden gebeten, er solle ihm helfen, worauf er ihm au<a href="http://www.zeno.org/Literatur/L/Gr%C3%A4sse-Preu%C3%9Fen+Bd.+1">f</a> seinem weißen Zelter entgegen gekommen sei und so den Fluch gelöst habe, der über ihn ausgesprochen gewesen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schulmeister dankt seinem Wirth schönstens für die große Hilfe, und als er sich nach einigen Tagen erholt und sich wieder auf den Weg nach Hause begeben will, spricht der Fürst zu ihm: »Bleibe noch bei uns!« und Renatus bleibt auch wirklich noch mehrere Monate lang. In der Zeit weiß er gar nicht, wie ihm geschieht; er fühlt sich immer kraftvoller und jünger und wird immer schmucker. Bald sieht er sich wieder völlig als Jüngling in voller Blüthe stehen. Die schöne Prinzessin verliebt sich in den wieder jung gewordenen Renatus, und als ihr Vater stirbt, da zieht sie mit ihm als seine Frau nach Hackpfiffel. Sie nehmen große Reichthümer mit dorthin und leben hier lange glücklich, zufrieden und im Ueberfluß, und als sie endlich beide zusammen in einer Stunde sterben, da legt man sie zusammen in ein Grab. Den Stein aber, unter welchem der Schulmeister und die Türkin ruhen, kann man noch heute in Hackpfiffel sehen.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-2da177b9 gb-headline-text">Der Püsterich auf der Rothenburg</h2>



<p class="wp-block-paragraph">m Schlosse zu Sondershausen wird noch heute ein sonderbares Götzenbild verwahrt, welches einst auf der Rothenburg gefunden ward, in die Familie derer von Tütcherode kam, die die Burg zur Lehn hatten (bis 1576) und von dieser im Jahre 1546 an den Grafen Günther von Schwarzburg abgetreten ward. Es wird dieses Bild gewöhnlich Päuster, Püstrich, Beustrich, Bausterich, von den Einwohnern der Güldenen Aue aber Beusterd und von den Niedersachsen Püster (d.h. Blasbalg) genannt, weil er die Feuerflammen gleichsam von sich gepustet oder geblasen habe. Dieses Bild ist aus einem unbekannten Metall, 2 Fuß <sup>1</sup>/<sub>2</sub> Zoll hoch und stellt einen dicken häßlichen Jungen vor, der scheinbar aus Bosheit das Gesicht verzieht. Er ist sehr stark von Gliederbau, hat aufgeblasene Backen, eine platte Nase, dumme Gesichtszüge und einen aufgetriebenen Bauch von 2 Fuß 6 Zoll im Umfange, kniet mit dem rechten Beine, hat die rechte Hand, die aber nicht vollkommen ist, da, wie es scheint, die Masse im Gusse ausgelaufen ist, auf dem Kopfe, die linke aber auf dem Knie liegen. Der linke Arm ist nicht mehr vollständig vorhanden, er fehlt vom Ellbogen an. Diese Verstümmelung nahm einst Landgraf Moritz von Hessen mit ihm vor, der den Püstrich einst nach Cassel kommen ließ, um ihn und das Metall, aus dem er gegossen ist, näher kennen zu lernen. Er schlug deshalb die Hälfte des linken Armes ab und behielt das Stück an sich; ob er aber gleich nicht herausbekam, aus welchem Metall der Götze gemacht ward, hat er es doch seinem rechtmäßigen Besitzer nicht zurückgegeben. Mitten auf dem Kopfe hat die Figur ein Loch wie ein Daumen dick und ein zweites ähnliches ist statt des Mundes vorhanden, auf dem Kopfe sind die Haare glatt gekämmt und im Nacken rund abgeschnitten, zwischen den Sitzbacken endlich ist ein Stück Eisen mit einem viereckigen Loche eingegossen, um ihn mittelst eines durchgesteckten Riegels festhalten zu können. Inwendig ist das Bild durchaus hohl und faßt ohngefähr 9 Maß. Die Füße fehlen beide, scheinen aber auch gar nicht daran gegossen zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man sagt nun, daß wenn man diesen Götzen mit Wasser fülle, seinen Leib mit hölzernen Pflöcken verstopfe, hernach in das Feuer oder auf glühende Kohlen setze, er alsdann so sehr zu schwitzen anfange, daß ein Tropfen dem andern folge, sobald er aber gänzlich erhitzt werde, stoße er beide Pflöcke mit einem solchen Knalle von sich, als wenn es donnere, und hierauf werfe er aus beiden Löchern in die Höhe und Weite viele Feuerflammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sind zu verschiedenen Malen Versuche angestellt worden, ob sich dies wirklich so verhält. So hat man einst in der Schwarzburger Schloßküche eine derartige Probe gemacht, allein dieselbe ist schlecht abgelaufen, indem Alles umher in Brand und das Schloß selbst in Gefahr gerathen ist, in Feuer aufzugehen. Freilich wissen wir nicht, ob man sich zu diesem Versuche blos des Wassers, oder des Spiritus oder Oels bedient hat. Im Jahre 1814-15 wurde bei Sondershausen ein gleicher Versuch im Freien gemacht. Man füllte die Figur mit Wasser und verstopfte die Oeffnungen, die Wirkung war die gewöhnliche, wenn kochendes Wasser eingesperrt ist; die Dämpfe sprengten mit einem Knalle die Pfropfen heraus und qualmten alsdann aus den Oeffnungen. Feuerflammen bemerkte Niemand, so wenig als üble Gerüche; daraus folgt, daß man sich wahrscheinlich anderer Ingredienzen bedient hat, um Feuerflammen aus ihm heraussteigen zu lassen. Er ist eben weiter nichts als ein papinianischer Topf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wozu die Figur gedient habe, ist ebenfalls ungewiß. Einige sagen, die heidnischen Priester der Thüringer hätten sich ihrer bedient, um dem unwissenden Volke weiß zu machen, Gott zürne auf dasselbe, wenn sie donnere oder Feuer ausspeie, sie müßten also, dafern sie nicht des Todes sein wollten, denselben durch Opfer an Geld, Vieh, Früchte etc. zu besänftigen suchen. Als nun Karl d. Gr. durch Bonifacius alle Götzenbilder zertrümmen ließ, hätten sie den Püsterich in einer Vertiefung des Berges, auf dem man später die Rothenburg erbaute, versteckt und so sei er hierher gekommen. Allein die Gestalt hat eigentlich nichts Götzenartiges und die Bildung ihrer Haare läßt durchaus nicht auf ein vorchristliches Zeitalter schließen, ein slavischer Götze Püsterich wird aber nirgends erwähnt, auch kein ähnlicher. Eine andere Meinung ist die, die Räuber auf dem Kiffhäuser oder andern dort herum liegenden Schlössern hätten das Bild zur Vertheidigung gebraucht, weil man ihnen wegen dem Feuerspeien desselben nicht habe beikommen können. Eine noch andere Ansicht, die etwas mehr Wahrscheinlichkeit hat, ist die, daß die Mönche mit dem Bilde ihre Gaukelei getrieben und dasselbe auf der Rothenburg in die Kirche in eine Mauer hinter eine Tafel gestellt hätten. Da nun früher hierher jährlich eine große Wallfahrt angestellt ward, so sei, wenn viel Volks hier zusammengekommen, ein Mönch aufgestanden, habe gepredigt, sich sehr kläglich gestellt und gesagt, daß Gott im Himmel über ihre Sünde sehr zürne, und damit sie solches sehen möchten, werde der Püsterich bald donnern und höllisches Feuer ausspeien. Hierauf habe er befohlen, die Tafel aufzuheben, dahinter der Püsterich gestanden; wenn das geschehen, habe derselbe sich so, wie eben angegeben, gezeigt und alsdann sei von dem dummen Volke reichlich geopfert worden, damit sie Gott versöhnen könnten. Freilich hätten sie nicht gemerkt, daß sie von dem Mönche also wären betrogen worden, daß ein zweiter Mönch unter der Predigt durch einen heimlichen Gang in der Mauer hinauf zu dem Bilde gestiegen sei, dasselbe auf die vorhin erwähnte Weise zubereitet und die in den Löchern steckenden Zapfen mit einem Strick behend hinweggezogen habe, wenn der predigende Mönch befohlen habe, die Tafel aufzutun. Eine letzte fast burleske Erklärung der Figur hat der Bergkommissar Rosenthal in Nordhausen gegeben. Er sagt nämlich, der Püsterich sei nichts als eine Branntweinblase gewesen. Es sei nämlich ein Graf Heinrich von Rothenburg im zwölften Jahrhundert unter den Kaisern Heinrich VI. und Otto IV. kaiserlicher Küchenmeister (<em>magister coquinae)</em> gewesen (allerdings kommt in Urkunden jener Zeit ein gewisser Heinrich von Rothenburg, der aber hier den Grafentitel nicht führt, unter diesem Titel vor), als solcher sei er dem Letztern auf seinem Zuge zur Krönung nach Rom gefolgt und habe auf dieser Reise im Mantuanischen die leider noch heute vielfach exercirte Kunst erlernt, concentrirten Wein aus schlechtem herzustellen. Dies habe ihn bewogen, die Frankenhäuser und Wallhäuser Weine auf die nämliche Art zu veredeln, er habe sich also bei seiner Rückkehr zu diesem Behufe eine Destillirgeräthschaft angeschafft, welche, da sie in die kaiserliche Küche kommen sollte, die Gestalt eines Küchenjungen erhalten habe. In der Folge habe er diese Maschine mit auf die Rothenburg genommen und daraus seine Landweine abgezogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sieht man sich nun die Figur genauer an, so könnte man auf den Gedanken kommen, dieser Püsterich sei vielleicht eine jener metallenen Teufelsfiguren, welche die Mongolen in der Schlacht bei Wahlstadt im Jahre 1241 vor ihrer Schlachtlinie aufstellten und welche eine feurige Masse ausspieen, durch welche die Pferde der christlichen Ritter erschreckt und beschädigt wurden. Sehr leicht könnte eine solche Figur an jener Stelle zurückgeblieben, dort später gefunden und auf irgend eine Art auf die Rothenburg gekommen sein. Möglicher Weise könnte diese Figur auch zu gleichem Zwecke den in der Umgegend von Sondershausen im Jahre 933 besiegten Hunnen gedient haben und von ihnen zurückgelassen worden sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angeblich ist in der Nähe des Schützenbornes im Jahre 1632 ein broncener geharnischter Ritter auf einem ungesattelten Pferde, das hohl war und worin Flüssigkeiten gegossen werden konnten, ausgepflügt worden. Diese Figur soll nach Arnstadt gebracht, vom Fürsten Günther aber im Jahre 1731 der Dresdener Kunstkammer verehrt worden sein, wo sie sich aber nicht mehr befindet.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-0d146e5e gb-headline-text">Der Ritterkeller</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Einst richtete ein guter, aber armer Mann aus Tilleda eine Kindtaufe aus, und das seine achte. Er mußte dabei den Gevattern nach Sitte des Landes einen Schmauß geben. Bald war der Landwein, den er seinen Gästen vorzusetzen hatte, ausgetrunken und sie forderten mehr. »Geh«, sagte er im Scherze zu seiner ältesten Tochter, einem hübschen sechszehn Jahre alten Mädchen, »und hole uns noch bessern Wein aus dem Keller.« »Aus welchem Keller denn?« fragte das erstaunte Mädchen. »Ih«, antwortete der Vater, »aus dem großen Weinkeller der alten Ritter auf dem Kiffhäuser.« Das Mädchen geht in ihrer Einfalt, weil sie wirklich glaubte, ihr Vater spreche im Ernst, mit einem kleinen Eimer in der Hand den Berg hinan; in der Mitte desselben erblickt sie am verfallenen Eingange eines großen Kellers, den sie freilich nie zuvor gesehen, eine Schaffnerin in ganz ungewöhnlicher Tracht, mit einem großen Schlüsselbunde an der Seite. Sie verstummt vor Erstaunen, doch freundlich fragt sie die Alte: »Gewiß willst Du Wein holen aus dem Ritterkeller?« »Ja«, sagte das Mädchen, »aber Geld habe ich nicht.« »Komm mit mir«, sprach die Schaffnerin, »Du sollst umsonst Wein haben, und bessern Wein, als Dein Vater je gekostet hat.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie gingen nun beide durch einen halbverschütteten Gang und das Mädchen mußte erzählen, wie es jetzt in Tilleda aussehe. »Einst«, sagte die Alte, »war auch ich jung und schmuck wie Du, als mich die Ritter des Nachts durch einen Gang unter der Erde aus dem Hause in Tilleda wegholten, das jetzt Deinem Vater gehört. Kurz vorher hatten sie am hellen Mittag die vier schönen Jungfern, die hier noch zuweilen auf prächtig geschirrten Pferden herumreiten und dann wieder verschwinden, mit Gewalt aus Kelbra entführt, da sie eben aus der Kirche kamen. Mich machten sie, als ich alt ward, zur Aufseherin des Weinkellers und das bin ich noch.« Jetzt standen sie vor der Kellertür und die Schaffnerin schloß auf. Es war ein großer geräumiger Keller und auf beiden Seiten lagen die Stückfässer. Die Schaffnerin klopfte an die Fässer, die meisten waren halb oder ganz voll. Sie nimmt den kleinen Eimer, zapft ihn voll trefflichen Weines und sagt: »Da bringe das Deinem Vater. Und so oft ein Fest in Euerem Hause ist, kannst Du wiederkommen, aber keinem als Deinem Vater sage, woher Du den Wein hast. Auch dürft Ihr keinen Wein verkaufen, umsonst bekommt Ihr ihn, umsonst sollt Ihr ihn geben. Kommt einmal einer her, der Wein haben will, um damit zu wuchern, dessen letztes Brod ist gebacken.« Das Mädchen brachte ihrem Vater den Wein, der den Gästen trefflich schmeckte, ohne daß sie jedoch errathen konnten, woher er kam. So oft nachmals in dem Hause ein kleines Fest war, holte das Mädchen Wein von Kiffhäuser in dem kleinen Eimer. Aber lange dauerte die Freude nicht; zwar wunderten sich die Nachbarn, woher der arme Mann den herrlichen Wein bekam, der in dem ganzen Lande so gut nicht war, allein der Vater sagte es Keinem und die Tochter auch nicht. Gegenüber wohnte jedoch ein Schenkwirth, der mit gefälschtem Wein handelte. Dieser hatte den Ritterwein auch einmal gekostet und dachte: den Wein konntest du mit zehnfachem Wasser verdünnen und doch theuer verkaufen. Er schlich also dem Mädchen nach, als es zum vierten Male mit dem kleinen Eimer nach dem Kiffhäuser ging, versteckte sich unter dem Gebüsche, als sie stehen blieb, und sah sie nach einiger Zeit aus dem Gange, der zu dem Keller führte, mit dem gefüllten Eimer herauskommen. Den nächsten Abend ging er selbst den Berg hinauf und schob auf einer Karre die größte leere Tonne, die er hatte auffinden können, vor sich her. Diese dachte er mit dem trefflichen Ritterwein zu füllen, sie des Nachts den Berg herunter zu rollen und dann alle Tage wiederzukommen, so lange noch Wein im Keller wäre. Als er an den Ort kam, wo er den Tag vorher den Eingang zum Keller gesehen hatte, wurde mit einem Male Alles dunkel um ihn her. Der Wind fing an fürchterlich zu heulen und das Ungethüm warf ihn und seine Karre und seine leere Tonne von einer Felsenmauer zur andern. Er fiel immer tiefer und tiefer und kam endlich in eine Totengruft. Da sieht er vor sich einen schwarzbehangenen Sarg hertragen und seine Frau und viele Nachbarinnen, die er an ihrer Kleidung und ihrem Wuchs deutlich erkannte, folgten der Bahre nach. Vor Schrecken fällt er in Ohnmacht. Nach einigen Stunden erwacht er wieder, sieht sich zu seinem Entsetzen noch in der schwachbeleuchteten Totengruft und hört gerade über seinem Kopf die ihm wohlbekannte Turmglocke in Tilleda zwölf schlagen. Nun wußte er, daß es Mitternacht war und daß er sich unter der Kirche und dem Begräbnißplatz seines Dorfes befand. Er war mehr tot als lebendig und wagte es kaum zu athmen. Siehe, da kommt ein Mönch und trägt ihn eine lange, lange Treppe hinan, schließt eine Tür auf, drückt ihm schweigend etwas Geld in die Hand und legt ihn am Fuße des Berges nieder. Es war aber eine kalte eisige Nacht. Allmählig erholt er sich jedoch und kriecht ohne Tonne und Wein seinem Hause zu. Es schlug Eins, als er es erreichte. Er mußte sich sogleich ins Bett legen und nach drei Tagen war er tot; das Geld aber, das ihm der verzauberte Mönch gegeben hatte, reichte gerade zu seinem Begräbniß hin.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-2d5c838f gb-headline-text">Die goldenen Flachsblumen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Vor vielen, vielen Jahren ging einst ein ganzer Schwarm Knaben aus Kelbra auf den Kiffhäuser, um da Nüsse zu pflücken. Sie gehen in die alte Burg, kommen auf eine Wendeltreppe, steigen hinauf und finden ein kleines Gemach mit schönen achteckigen rothen und blauen Fenstern. In der einen Ecke liegt eine Spindel mit Flachs, in der andern ein Haufen Flachsknoten. Von diesen Knoten nimmt jeder Knabe einen Hutkopf voll und so laufen sie lustig hinunter und streuen auf dem Wege die Flachsknoten aus. Als die Knaben nach Kelbra kamen, war es schon Abendbrodzeit. Der ärmste der Knaben findet seine Eltern gerade beim Tischgebet; er nimmt seinen Hut ab und klingelnd fällt etwas Glänzendes auf die Erbe und bald noch ein Stück, nach und nach sieben andere. Die Mutter läuft hinzu und siehe, es waren goldene Flachsknoten, womit ein verzaubertes Hoffräulein oder gar die Kaiserin selbst dem armen Mann ein Geschenk gemacht hatte, der seinen Knaben nun ein Handwerk lernen lassen konnte. Die Nachbarinnen liefen hinzu, die wunderbaren Flachsknoten zu sehen. Den folgenden Tag ging ganz Kelbra auf den Kiffhäuser, Alle suchten, aber Keiner fand die blauen und rothen Fensterscheiben, Keiner die aufgehäuften goldenen Flachsknoten.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-35319470 gb-headline-text">Die Wunderblume</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Schäfer aus Sittendorf trieb einst am Fuße des Kiffhäusers. Es war ein hübscher Mensch, und mit einem guten, aber armen Mädchen verlobt. Doch weder er noch sie hatten ein Hüttchen oder Geld, ihre Wirthschaft einzurichten. Traurig stieg er den Berg heran, aber je höher er kam (es war ein schöner Tag), desto mehr verlor sich die Traurigkeit. Bald hatte er die Höhe des Berges erreicht, da fand er eine wunderschöne Blume, dergleichen er noch nie gesehen hatte. Die pflückte er und steckte sie an seinen Hut, um sie seiner Braut mitzunehmen. Oben auf der Burg findet er ein offenes Gewölbe, dessen Eingang nur etwas verschüttet war. Er geht hinein und findet viele kleine, glänzende Steine auf der Erde liegen und steckt so viele ein, als seine kleinen Taschen fassen konnten. Nun wollte er wieder ins Freie, da rief ihm eine dumpfe Stimme zu: »Vergiß das Beste nicht!« Er wußte nicht, wie ihm geschah und wie er aus dem Gewölbe herauskam. Kaum sah er wieder die Sonne und seine Heerde, so schlug die Tür, die er vorher gar nicht gesehen hatte, hinter ihm zu. Er faßt nach seinem Hut und die wunderschöne Blume, die er seiner Braut hatte bringen wollen, war fort; sie war beim Stolpern herabgefallen. Urplötzlich stand vor ihm ein Zwerg und fragte: »Wo hast Du die wunderschöne Blume, die Du fandest?« »Verloren!« sagte traurig der Schäfer. »Dir war sie bestimmt«, antwortete der Zwerg, »sie ist mehr werth als die ganze Rothenburg.«</p>



<p class="wp-block-paragraph">Traurig geht der Schäfer am Abend zu seiner Braut und erzählt ihr die Geschichte von der verlorenen Wunderblume; Beide weinen, denn Hüttchen und Hochzeit waren wieder verschwunden. Endlich denkt der Schäfer wieder an seine Steine und wirft sie scherzend seiner Braut auf den Schooß, und siehe, es waren lauter Goldstücke. Nun kauften sie sich ein Hüttchen und ein Stück Acker dazu; die Wunderblume aber blieb verschwunden und wird von den Bergleuten noch heute gesucht, in den Gewölben des Kiffhäusers nicht allein, sondern, da verborgene Schätze rücken, in der Questenburg und selbst auf der Nordseite des Harzes. Bis jetzt hat sie aber noch Keiner gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Original: <strong>Johann Georg Theodor Grässe</strong>, Sagenbuch des preußischen Staates</p>



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		<title>Sagen rund um Nordhausen</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jun 2021 15:55:40 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Der Poltergeist Die Stadt Nordhausen ist im Jahre 1710 und 1712 zweimal durch Brand verheert worden, bei dieser Gelegenheit ist namentlich die Sieckel&#8217;sche Familie hart betroffen worden, also daß sie zuerst nur ein kleineres, und erst 1720 ein größeres Haus auf der Brandstätte erbauen lassen konnte. Es wohnte daher die ganze ziemlich große Familie in dem ... <p class="read-more-container"><a title="Sagen rund um Nordhausen" class="read-more button" href="https://www.deutschesagen.de/sagen-rund-um-nordhausen/#more-578" aria-label="Mehr Informationen über Sagen rund um Nordhausen">Continue</a></p>]]></description>
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<h2 class="gb-headline gb-headline-a9c18d10 gb-headline-text">Der Poltergeist</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Stadt Nordhausen ist im Jahre 1710 und 1712 zweimal durch Brand verheert worden, bei dieser Gelegenheit ist namentlich die Sieckel&#8217;sche Familie hart betroffen worden, also daß sie zuerst nur ein kleineres, und erst 1720 ein größeres Haus auf der Brandstätte erbauen lassen konnte. Es wohnte daher die ganze ziemlich große Familie in dem kleinen Hause, wo es aber sehr enge zuging, und als nun das große fertig wurde, konnte es der erwachsene Sohn des Hauses nicht erwarten, eine bequemere Wohnung zu erhalten, er zog sofort in eine kaum ausgebaute Kammer in der zweiten Etage. Ohngeachtet nun sowohl die Haus- als Hoftüre des Hauses wohl verwahrt und verschlossen waren, wurde er doch sofort nach seinem Einzuge fast alle Nächte gewahr, daß sich unten vor seiner Kammer, vor welcher eine Treppe vorbei auf den in der andern Etage befindlichen Saal ging, im Hause ein starkes Geräusch und Getrapp erhob, als wenn ein Mensch mit heftigen Schritten in gedachtem Hause herum und von da zu der vor gedachter Kammer belegenen Treppe hinauf und auf dem Saale auf den über die Balken des Fußbodens lose gelegten Brettern oft länger als eine Stunde spazieren ging, und wenn es sich genug hatte hören lassen, alsdann wieder die Treppe herunter, nicht anders als ein starker Mann mit Stiefeln, ging und noch eine lange Weile unten im Hause herumvagirte. Wenn nun der junge Sieckel am andern Morgen aufstand und nach den Türn sah, die er selbst verschlossen und so gut er konnte verwahrt hatte, befand er solche noch in dem alten Zustande, wie er sie verlassen. Dieses nächtliche Spazierengehen und Gepolter, gerade wie wenn Jemand Bretter aufhebe und wieder auf eine andere Stelle lege, begegnete gedachtem Sieckel nicht ein, sondern viele Male, und er ward zuletzt diese Wanderung des Poltergeistes so gewohnt, daß sie ihn nicht mehr störte. Als nun späterhin die übrige Familie in dasselbe Haus zog, hörte zwar das nächtliche Herumspazieren allmählig auf, allein dafür hörten Alle, die in dem Hause wohnten, in der Nacht die von ihnen verschlossenen Türn der Stuben, wo sie schliefen, öffnen und wieder zumachen, sonst aber widerfuhr Niemandem etwas.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-d756ddea gb-headline-text">Der ungehobene Schatz</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Anfange des vorigen Jahrhunderts lag ein junger Mensch in Nordhausen des Nachts auf seinem Bette in seiner Kammer, deren Fenster nach Abend zu gingen, und konnte nicht schlafen. Da hörte er auf einmal eine Stimme, die ihn bei seinem Vornamen rief; allein er antwortete nicht, weil ihm selbige unbekannt war. Da nun keine Antwort erfolgte, so rief der Geist noch ein anderes und drittes Mal, worauf jener denn endlich zu antworten bewogen ward und fragte: »Was soll ich?« Der angerufene Geist erwiederte nun: »Komm heraus und gehe mit mir in den obersten Keller, da steht ein Schatz, den sollst Du heben und davon studiren.« Der Schüler wendete dagegen ein: »Ich komme nicht, es ist jetzt Mitternacht, dunkel und ich fürchte mich.« Der Geist sprach ferner, es solle ihm Niemand etwas tun, er solle nur kommen und mitgehen, der Schatz stehe in dem vordersten Keller und es liege auf ihm eine goldene mit Diamanten besetzte Kugel. Als nun der Schüler sich dennoch mitzugehen weigerte, so fuhr der Geist also fort und sprach: »Siehe, so gewiß sich die feurige Kugel in dem Fenster bewegt, so gewiß soll Dir nichts weiter geschehen.« Indem er nun nach dem auf den Hof gehenden Fenster sah, wurde er mit Verwundern gewahr, daß sich von außen her eine sehr hell spielende, mit feurigen Diamanten besetzte Kugel vor einer zerbrochenen viereckigen Fensterscheibe nicht nur von freien Stücken herumdrehte, sondern auch feurige Strahlen von sich gab, dergestalt, daß durch diese glänzende Kugel die ganze Kammer so hell ward, als wenn ein Licht darin gebrannt hätte. Diese Helligkeit dauerte eine ziemliche Weile. Nachdem nun den Schüler bei einer solchen Betrachtung Furcht erfaßt, so hüllete er sich in sein Bett und sah sich nicht weiter nach der bewußten Kugel um, hörte aber den Geist nochmals vor dem Kammerfenster die Worte rufen: »Komm und gehe mit, oder es wird Dich solches gereuen.« Als er sich aber nicht entschließen konnte mitzugehen und nach einer kleinen Weile seine Augen nach dem Fenster richtete, war die Kugel weg, mithin weiter nichts zu hören. Was es aber für ein Geist gewesen, wofür er sich ausgegeben und was für eine Gestalt er gehabt, konnte der junge Mensch nicht sagen, denn er hatte ihn nur gehört, nicht gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In demselben Hause ist aber einer Frauensperson in der Küche eine weißgekleidete gespenstige Frau von langer Statur, einen weißen Schleier auf dem Kopfe tragend, von sehr blasser Gestalt und, wie es ihr geschienen, mit langen gelben Zähnen im Munde, in den Vormittagsstunden gegen 10 Uhr, als sie eben in besagtem Hause allein gewesen, erschienen und hat ihr angezeigt, sie solle mit ihr in den Keller gehen und einen verborgenen Schatz, welcher schon dort stehe und ihrer warte, heben. Weil sie nun über solche unerwartete Erscheinung und zugleich erfolgte Anrede gar sehr erschrocken ist und nichts zu antworten wußte, hat der Geist weiter zu ihr gesagt, sie solle sich nicht entsetzen, sondern nur getrost mitgehen, es solle ihr nichts Widriges begegnen, er wolle ihr auch den nunmehr eröffneten Schatz, bei welchem zwar ein schwarzer Hund liege, der aber nicht bellen, sondern stille liegen bleiben würde, bis auf die vorderste Treppe des besagten Kellers tragen helfen, dann könne sie ihn selbst vollends hinauftragen etc. Die Furcht war aber bei der Frau so groß, daß sie dem unbekannten Geiste nicht trauen wollte, sondern ihm seinen Antrag rund abschlug, worauf er ungehalten ward und mit folgenden Worten gegen sie herausbrach: »Dies wird Dich zu seiner Zeit gereuen, denn der Schatz ist Dir bescheert!« Da nun die gespenstige Frau diese Worte noch geredet, hat unverhofft einer ihrer Dienstleute an die Haustüre geklopft, worauf der Geist mit einem ängstlichen Seufzer von ihr gewichen, sie aber dem Anklopfenden die Tür geöffnet, nach wenigen Tagen jedoch in eine heftige Krankheit verfallen ist, welche etliche Wochen gewährt hat.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-02b2a394 gb-headline-text">Der Teufel und der Verwalter</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es hielt sich um die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts ein Verwalter, mit Namen Scheller, eine Zeit lang in der Stadt Nordhausen auf und wohnte in dem Hause eines gewissen Dorfpredigers, welches dieser nach dem Brande von 1718 wieder aufgebaut hatte, um sich eine Stelle zu suchen. Weil er nun ein Fremdling, mithin an diesem Orte unbekannt, übrigens für seine Person sehr dienstfertig und höflich war, so fand er bald mitleidige Seelen, die sich Mühe gaben, ihm eine Versorgung zu verschaffen, ihm aber dennoch keine Station ausmachen konnten. Er lebte demnach von seinen wenigen Mitteln kümmerlich und elend, damit dieselben so lange zureichen möchten, bis er wieder einen Herrn fände, und so gingen wohl drei Vierteljahre hin, daß er keinen Hellers werth einnahm, sondern statt dessen zu seines Lebens Unterhalt unentbehrliche Ausgaben hatte. Man rieth ihm nun, daß er bisweilen ein Paar Stunden lang auf den Rathskeller gehen und bei der Gesellschaft der dort einkehrenden Bürger ein Glas Gose trinken möchte, um sich nur ein wenig in Bekanntschaft zu bringen, weil hier täglich und stündlich fremde Leute kämen, welche ihm vielleicht eine Gelegenheit zu einem künftigen Unterhalt vorschlagen könnten. Weil er aber als ein frommer, stiller Mann solche Oerter nicht gewohnt war zu besuchen, auch sonst nicht viel im Vermögen besaß, so ging er nur hin und wieder einmal hin. So kam es, daß sich ihm durchaus kein Glücksstern zeigen wollte. Da trug sich mit ihm folgende Begebenheit zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er war bei einem guten Freunde gewesen und kam des Abends um 10 Uhr voller Tiefsinn nach Hause, ging auf seine Kammer, welche in der andern Etage gegen Abend zu lag, befahl sich der göttlichen Vorsehung, legte sich in sein Bett und ließ das Licht in der Kammer brennen, konnte aber vor bekümmerten Gedanken zu keiner Ruhe noch Schlaf kommen. Gegen 12 Uhr klopfte Jemand an seine Kammertüre, er stand in der Meinung, daß es etwa Jemand von den Dienstboten im Hause wäre, welcher ihn noch sprechen wollte; er rief also: er liege nunmehro schon im Bette, er möchte nur hereinkommen. Da öffnete sich die Tür und es kam ein schwarzgekleideter Mann herein, der vor sein Bett trat und ihn folgendermaßen anredete: warum er immer so kläglich thue und was ihm fehle? Er antwortete: »Sollte ich nicht kläglich tun, ich habe keinen Dienst mehr, und mein Bischen Geld, welches ich sauer verdient habe, muß ich jetzt verzehren, und da es bald alle ist, woher soll ich armer Mann, wenn solches ausgegeben ist, anderes hernehmen, wenn ich nicht betteln noch der Welt zum Spott leben will? Ich meine also, daß ich hohe Ursache habe, mich über meinen armseligen Zustand zu betrüben.« Da brach dieser Geist in folgende Worte aus: »Wenn darin Deine Noth besteht, so will ich Dir bald davon helfen und Dir Geld verschaffen, Du mußt Dich aber gegen mich auf eine gewisse Zeit verbinden.« Dieser arme verlassene Mann sagte: »Auf diese Art verlange ich kein Geld, Gott solle ihn davor behüten, lieber wolle er dafür arm bleiben!« »Ei!« sagte dieser schwarzgekleidete Mann, »wenn Du die Dir vorgeschlagene Condition nicht eingehen willst, so kann ich Dir auch nicht weiter helfen, denn Gott wird Dir nichts geben, das siehest Du ja wohl, wie es Dir jetzt geht. Wenn Du nun diesen Vorschlag nicht annehmen willst, so thue ich Dir einen andern. Sieh, hier habe ich ein Messer, das nimm und schneide Dir die Kehle damit ab, was bald geschehen ist, dann kommst Du aus aller Deiner Noth!« Der arme Verwalter lag in voller Angst und Schrecken in seinem Bette und konnte aus großer Furcht fast nicht sprechen, sah den schwarzgekleideten Mann und das lange Messer, welches er in seiner Hand hatte, mit großer Verwunderung an und sagte noch die wenigen Worte: »Davor behüte mich mein Gott; weiche von mir, Du böser Geist, Du hast hier nichts weiter zu tun!« Worauf derselbe wieder vor seinen Augen hinwegkam und von ihm weiter weder etwas gesehen noch gehört ward. Diese Begebenheit hat aber besagter Verwalter am andern Tage einem gewissen Geistlichen mitgeteilt und sich dann von diesem Orte wegbegeben.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-fcf46719 gb-headline-text">Die Erscheinung der Mutter</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es hatte im Anfange des vorigen Jahrhunderts eine anständige Frau aus der Stadt Nordhausen ihre Tochter nach Neunheiligen, welcher Ort dem Herrn Grafen von Werther gehört und unweit der Stadt Langensalza gelegen ist, verheirathet und vernommen, daß diese ihre Tochter sehr krank darnieder liege und der Kranken auch wohl kein größerer Gefallen getan werden könne, als wenn die Mutter käme und sie besuche, wozu sich denn auch das nach der kranken Tochter sich sehnende Mutterherz entschloß. Den Abend zuvor, ehe die kranke Tochter wußte, daß die Mutter dahinkommen und sie besuchen werde oder nicht, kam eine Frau, welche einen runden Strohhut auf dem Kopfe trug, in der Nacht vor das Fenster der Tochter, machte solches auf und sah hinein, und blieb auch eine Weile vor dem Fenster in ihrer Tracht also stehen, daß solche die Tochter sowohl als die neben dem Bette sitzende Wärterin mit Augen sahen und die Tochter zur Wärterin sprach: »Das ist meine Mutter«, auch vor Freuden rief: »Liebe Mutter, kommen Sie doch herein, ich habe Sie schon gesehen!« Sie machte demnach das Fenster wieder zu und die Wärterin ging zur Stube hinaus, in der Meinung, ihr aufzumachen. Als sie nun die Haustüre öffnete, war Niemand mehr da, sondern Alles schwarz und stille, so daß sie weder Jemanden auf der Straße mit Augen sah noch hörte und also die Haustüre wieder zumachte, in die Stube kam und der Tochter hinterbrachte, wie ja ihre Frau Mutter, welche sie selbst vor dem Fenster stehen und in die Stube gucken sehen, nicht mehr draußen, sondern wieder weg wäre, über welche Nachricht sich die kranke Tochter sehr betrübte und vorstellte, daß solches unverhoffte Gesicht wohl gar ein Omen einer die Mutter vermutlich zu Hause überfallenden Krankheit sein müsse, da ihr bekannt, daß sie schon bei Jahren und sehr schwächlicher Constitution war. Weil sich nun die Patientin dies sehr zu Sinne zog, wurde sie vor Sehnsucht und starkem Verlangen nach ihrer Mutter des folgenden Tages noch weit kränker als vorher. Was geschah? Die Mutter reiste am folgenden Tage von Nordhausen nach Neunheiligen und kam daselbst des Abends wider Aller Verhoffen gesund an, trat bei ihrer Ankunft zuerst vor das Fenster mit einem Strohhut auf dem Kopfe und rief ihrer Tochter freudig zu: wie sie sich befinde? Ueber welchen Besuch sich ihre Tochter so inniglich freute, daß auch von dem Augenblick an die Krankheit in etwas nachließ und die Wärterin anfing: »Dies ist wahrhaftig die Frau, welche ich vorher gar nicht gekannt, außer daß wir sie gestern Abend in dem Strohhute und in eben der Kleidung und Größe vor diesem Fenster, wohin sie mit dem Finger wies, in unsere Stube haben gucken sehen.« Die Tochter berichtete dieses Alles ebenso und erzählte der Mutter, was gestern vor dem Fenster geschehen und wie sie allda ihre eigene Gestalt erblickt hätte. Davon wußte die Mutter nichts, außer daß sie ein allzustarkes Verlangen zu ihrer kranken Tochter getragen und vor Angst nicht länger im Hause zu bleiben gewußt, sondern hierher getrieben worden.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-84c6b442 gb-headline-text">Luther und Michael Meienburg</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In der Kirche zu St. Blasius in Nordhausen hängen die von Lucas Kranach gemalten Porträts des von Kaiser Karl V. geadelten Bürgermeisters von Nordhausen Michael Meienburg und seiner Gemahlin. Dieser machte es wie viele Bürgermeister, er steckte mit dem Walkenrieder Abt, Johann Holtegel, unter einer Decke, beide verpraßten die zu dem Unterhalte der Klosterbrüder bestimmten Gelder und ließen diese fast verhungern. Darüber ward <em>Dr.</em> M. Luther so empört, daß er an seinen Freund Justus Jonas daselbst einen noch vorhandenen Brief schrieb, worin er beide verflucht und Gott bittet, ihr Eigenthum mit Feuer zu vertilgen, und Gott erhörte seinen Wunsch, Meienburg&#8217;s Güter wurden durch Feuersbrunst verzehrt.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-ed8df3f7 gb-headline-text">Die 7 Merkwürdigkeiten von Nordhausen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In ältern Büchern findet man die Sehenswürdigkeiten der Stadt Nordhausen in folgenden zwei lateinischen Versen aufgezählt:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Curia, Rolandus, Saxum, Balista, Canalis,</em> <em>Fons, Aves sunt Nordhusae miracula septem.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">(Rathhaus, Rolandssäule, der Stein, das Geschütz und die Künste, Quell und Vogel, das sind Nordhausens sieben Mirakel.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Rathhaus ward im Jahre 1609 aus Quadersteinen erbaut, an seiner südlichen Seite steht unter einem kupfernen Dach der Roland, auf dem Haupte eine Krone, in der Hand ein blankes Schwert. In alter Zeit sagte man zu den jungen Bauernburschen, wenn sie zur Stadt kamen, sie sollten einen Knittel quer in den Mund nehmen, vor den Roland hintreten und fragen: »Roland, was machst Du?« Dann antwortete er: »Nichts!« Der Stein ist ein am Töpfertore befindlicher, früher vergoldet gewesener Sandstein mit der Umschrift um das Stadtwappen: »<em>Anno domini</em> CCCCX. <em>Theodosius 2us nobilissimus hispanus romanorum imperator Anno imperii sui quarto hanc urbem fundavit libertatibus armisque imperialibus ditavit. hilf got maria berat.«</em> Das jedoch erst nach der Mitte des 14. Jahrhunderts angenommene Stadtwappen beweist am Besten, daß der Stein nicht schon 410 nach Chr. Geb. gesetzt sein kann. Das Geschütz, die sogenannte Feldschlange, ist ein alter Feldmörser gewesen, auf dem folgende Worte standen: »Lindwurm bin ich genannt, der Stadt Nordhausen bin ich wohl bekannt. (1519.) Andreas Pegnitzer goß mich.« Unter dem Kanal oder der Wasserkunst ist die von Hans Lagner 1546 erbaute und von Peter Günther 1598 verbesserte Oberkunst im Altendorfe und die Unterkunst des letztgenannten Mechanikers unter der Weide gemeint, die Quelle ist der berühmte Spring beim Kloster Elisabeth, der Vogel aber, ein Adler, bezieht sich darauf, daß früher zwei Räthe in Nordhausen waren, der eine in der Ober-, der andere in der Unterstadt. Beide bestanden aus Nordhäuser Patriciern, allein der der Oberstadt war der mächtigere, und da der der Unterstadt nicht mehr im Stande war, die Mauern der Unterstadt zu erhalten und die Bürger derselben in ihren Fehden mit dem Grafen von Hohnstein 1364 und dem Herzoge von Braunschweig jeden Augenblick einem Ueberfall ausgesetzt waren, so sahen sie sich genöthigt, ihre Gerechtsame an den Rath der Oberstadt abzutreten, der aber dafür versprechen mußte, ihre Stadtmauern wieder aufzubauen. Zum Andenken hieran ward auf dem Platze, wo Neustadt, Rautenstraße und Rumbach zusammenstoßen, eine hohe Säule, auf der sich ein kupferner vergoldeter Adler, der nach der Oberstadt zugekehrt war und einen goldenen Ring im Schnabel hielt, errichtet.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-553aa455 gb-headline-text">Das Heckemännchen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Am 18. November des Jahres 1726 ward in der Sacristei der Kirche St. Blasii ein versiegeltes Päckchen nebst einem Briefe an den Prediger gefunden. In demselben befand sich ein Heckemännchen und in dem Briefe ward gesagt, daß viele Leute zu Nordhausen solche Dinger gekauft hätten und man den Prediger bitte, in seiner Predigt alle Christen vor solchem teuflischen Wesen zu warnen.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-9c12f3a0 gb-headline-text">Die Gründung des Waisenhauses</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Am 23. August des Jahres 1710 ist zu Nordhausen eine furchtbare Feuersbrunst ausgebrochen, bei welcher zugleich das ziemlich große Haus des Predigers Johann Otto von Grund aus zerstört ward. Es gehörte selbigem eigenthümlich und lag zwischen dem Walkenriederhofe und Steinbackhause. Als man aber am folgenden Tage die Brandstätte aufzuräumen begann, fand man in dem glühenden Schutte eine deutsche Bibel, welche Otto nebst andern Büchern auf seinem Tische stehen gehabt hatte, unversehrt, nur am Schlosse waren einige unbedeutende Flammenspuren sichtbar. Durch diese wunderbare Erhaltung seiner Bibel fand sich Otto so ergriffen, daß er den Ort gleichsam als von Gott selbst geheiligt betrachtete und den Entschluß faßte, die Brandstätte zur Ehre des Höchsten einer Frauenanstalt und namentlich einem Waisenhause zu widmen. Der Rath ging auch auf seinen deshalb gemachten Vorschlag ein und das noch jetzt bestehende Waisenhaus ist in Folge davon erbaut worden. Da nun den 12. August 1712 wiederum eine Feuersbrunst entstand, welche abermals einen großen Theil der Stadt verzehrte, so wurde in dem für Nordhausen so verhängnißvollen Augustmonat ein Brandbußtag angeordnet, der noch jetzt begangen und an welchem jedesmal in einer Betstunde auf dem Saale des Waisenhauses jene Bibel vorgezeigt wird. Sie ist in Duodez und 1698 zu Lüneburg durch Johann Stern gedruckt und verlegt, in schwarzen Corduan mit vergoldetem Schnitt gebunden und mit zwei Schlössern versehen. Ihre merkwürdige Rettungsgeschichte hat ihr früherer Besitzer selbst in sie hineingeschrieben.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-6d438c5a gb-headline-text">Die sieben Kreuze am Siechenhof</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Local der jetzigen Arbeitsanstalt zu Nordhausen war früher der sogenannte Siechenhof für Aussätzige. An der nun größtentheils niedergerissenen Kapelle waren sieben große Kreuze, aus Sandstein gehauen, eingemauert, vor deren einem ein Priester knieete, mit dem Kelch in der Hand. Die Sage erzählt, daß einst ein Wolkenbruch gefallen sei, dessen Fluthen die Kirche eingestürzt und den Priester nebst sieben Personen, die eben communicirten, mit fortgeschwemmt habe. Zum Andenken an diese Begebenheit wären die Kreuze gesetzt worden.</p>



<h2 class="gb-headline gb-headline-d91062e8 gb-headline-text">Die Merwigslinde</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man zum Töpfertore der Stadt Nordhausen hinausgeht und an dem ehemaligen Stadtgraben hinschreitet, so kommt man zu dem sogenannten Kirschberg, einem zu einer Promenade der Stadt eingerichteten Lustwäldchen. Auf dem höchsten Gipfel desselben befindet sich ein sehr alter, am dicksten Ende des Stammes gegen 24 Ellen im Umfange haltender Baum, der den Namen der Merwigs-, Merchens- oder Mährchenlinde führt. Man nimmt an, diese Linde erinnere an den König Merwig, den Frankenkönig, der unter der Regierung des Kaisers Theodosius (s. oben die Sagen von Erfurt) die Stadt Nordhausen erbaut und wie er einst in der Merwigsburg bei Erfurt residirt habe,<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/Gr%C3%A4sse,+Johann+Georg+Theodor/Sagen/Sagenbuch+des+Preu%C3%9Fischen+Staats/Erster+Band/Provinz+Sachsen+und+Th%C3%BCringen/422.+Die+Merwigslinde+zu+Nordhausen#fn510">510</a>&nbsp;so zeitweilig in dem nach ihm genannten Königshofe zu Nordhausen, der durch den großen Brand am 23. August 1710 zerstört ward, allhier gewohnt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Derselbe habe nun, unter einer Linde sitzend, die Gewohnheit gehabt, Recht zu sprechen, und die jetzt noch vorhandene sei einst an der Stelle der alten, später eingegangenen gepflanzt worden. An dieser Stelle hielten bis in den Anfang dieses Jahrhunderts hinein die Mitglieder der Schuhmacherzunft von Nordhausen anfangs alljährlich, später aber nur jedes siebente Jahr eine fröhliche Versammlung, weil nach einer unter ihnen vorhandenen Tradition jener Merwig eigentlich ein Schuhmacherssohn gewesen, den das Volk seiner Rechtschaffenheit wegen zum König erwählte. Derselbe habe zu Nordhausen residirt, sei aber alle 7 Jahre im Maimonat auf einen der Hügel vor der Stadt gezogen und habe dort der ganzen Schuhmacherzunft einen Schmauß gegeben, auch an diesem der Sonne sehr ausgesetzten Platze eine Linde gepflanzt, welche den nachfolgenden Geschlechtern hier Schatten geben solle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Original: <strong>Johann Georg Theodor Grässe</strong>, Sagenbuch des preußischen Staates</p>



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