Alte preussische Sagen

Der Ursprung der Preußen und ihr Name

Als die Gothen zum größten Theile aus dem heutigen Lande Preußen fortgezogen waren, sind die Preußen ins Land gekommen. Diese haben dereinst um die Riphäerberge gewohnt, da wo sich dieselben nach Mitternacht hin erstrecken, nicht weit von dem Flusse Tanais (Don). Weil dort aber immer ewiger Schnee ist, sind sie bewogen worden, sich einen andern Wohnsitz zu suchen und sind in dies Land gekommen, welches ihnen sehr gefallen hat, und nicht weitergezogen wegen seiner Fruchtbarkeit an Aeckern, Weide und Gewässern, haben es für sich und ihre Kinder zur Wohnung erwählt und nach ihrem Volke Poreußen genannt, woraus dann mit Weglassung eines einzigen Buchstabens Preußen geworden ist. Porussi oder Borussi bedeutet nämlich eigentlich die unter den Russen Wohnenden (von po [altpreußisch] oder pod [polnisch] = unterhalb).

Es giebt jedoch noch eine andere Sage hierüber. Es sollen nämlich die Masovier, welche früher als ihre Nachbarn, die Brutener, das Christenthum annahmen, letztere um ihrer Trunksucht und Rohheit halben die Bruten (v. lat. brutus) die Unvernünftigen oder Dummen genannt haben. Darüber wurden dieselben aber so aufgebracht, daß sie mit einem starken Heere gegen dieselben aufbrachen und bei Neidenburg mit ihnen zusammenstießen. Endlich aber wurden die Masovier des Kampfes müde und schickten Abgesandte an sie, wie sie könnten besänftigt werden. Darauf antworteten ihnen die Brutener, sie müßten ihre Götter mit verehren und den Schimpfnamen nicht mehr brauchen. Die Masovier aber entgegneten, ihre Götzen könnten sie nicht verehren, wenn sie aber das Bild Christi auf die heilige Eiche setzen wollten, so wollten sie derselben ihre Verehrung bezeigen, den Schimpfnamen aber wollten sie gern zurücknehmen, denn sie sähen ein, daß die Brutener nicht unvernünftige (bruti), sondern vorwissende (praescii) Leute wären. Dies nahmen die Brutener auch an und so ist aus praescii durch Verdrehung Prussi (Preußen) entstanden, wie denn auch das altpreußische Wort prussia soviel bedeutet als: er wird verstehen.

Ueber diesen Namen hat nun aber ein Edelmann zu Bromberg, ein mächtiger Herr einmal gespottet und gesagt: »Wenn meine Hunde Rehe würden, so möchten sie solche praescii auch werden«; allein dies haben die Brutener sehr übel genommen, sind in Polen eingefallen und haben den frechen Spötter, als er ihnen entgegenzog und um Vergebung bat, festgenommen, auf sein Pferd gebunden und sammt diesem ihren Göttern lebendig verbrannt.


Die Sagen von dem König Waidewuttus

Zu der Zeit, da Valentinian das Römische Reich verwaltete, empörten sich die Alanen (d.i. ein Volk gegen Mitternacht, anstößig mit den Preußen) wider das Römische Reich und wurden darnach von den Sicambern überwunden. In demselben Kriege machten aber die letztern mit ihnen und ihren Nachkommen einen ewigen Frieden. Diejenigen Alanen aber, welche von der Schlacht übrig geblieben waren, sind zum Theil durch das Reich hinweggezogen bis nach Spanien und haben sich dort mit den Gothen verbunden und Gothalanen genannt. Der kleinste Theil derselben aber, der daheim geblieben oder nach der Schlacht wieder heimgekommen war, der zog mit Weib und Kindern und aller seiner Habe zu den Nachbarn, den Preußen. Dorthin führten sie auch allen ihren Reichtum und Hausrath auf Karren und Wagen, sowie ihr Vieh mit sich und vertrauten sich den Preußen an. Diese verschmähten sie auch nicht, denn sie wurden so viel stärker, um andern Völkern Widerstand zu leisten, namentlich den Germanen, vor denen sie sich fürchteten, die an dem inwendigen Gestade der Weichsel wohnten und welche sie oft aus ihren Wohnungen vertrieben hatten. Darum vergönnten sie es den Alanen, daß sie bei ihnen wohnen durften und diese wieder erlaubten ihnen, ihre Weiber zu gebrauchen, denn sie kannten die Ehe nicht. Wie einer zu einem Weibe kam, so gebrauchten sie solches zu ihrer Lust, darum nahmen sie so zu, daß ihrer so viele wurden, daß sie aller Völker Meister wurden, die sich wider sie legten. Darum ward ihnen das Land bald zu enge, denn es hatte ein Jeder so viel Landes für sich und seine Pferde genommen, als ihm gefallen hatte, deshalb wurden sie oft untereinander uneins. Diese Zwietracht brachte aber das barbarische Volk dahin, daß sie nach einem König trachteten. Da trat Vidivitus, ein Alane, vor, der der angesehenste war unter allen, denn er hatte viel Gesinde und war auch deswegen bei den ausländischen Leuten zu großem Ansehn und großer Gewalt gekommen. Dieser sprach: »O Ihr Preußen, wenn Ihr nicht toller wäret als Euere Bienen, so dürftet Ihr darum keinen Streit haben. Denn sie haben einen König, dem sie gehorchen, der ihren Handel und Arbeit führt etc. Ihr, die Ihr solches alle Tage sehet, sollet ihnen nachfolgen und auch einen König über Euch setzen, dem ihr gehorsamet, derselbe soll allen Hader und Zwietracht zwischen Euch richten, Todschläge rächen, Diebstahl strafen, die Unschuldigen beschirmen und soll vor allen Gewalt und Recht haben zu richten ohne allen Auszug.« Diesen Worten stimmten sie alle zu und schrieen: »Willst Du nicht unser Bioterus sein?« das heißt auf ihre Sprache ein Bienenkönig. Der verachtete aber die Stimme nicht und ward von ihnen allen zu ihrem König ernannt. Also ehrgeizig sind die Menschen, daß keiner so schlecht ist, er meinte, er wäre gut zu einem König. Dieser war nun bis auf diesen Tag eben so grob und toll gewesen, als die andern und fing nun an zu regieren, allein um das Anschreien des tollen groben Volkes willen. Ihm hat aber nichts gemangelt an dem Gemüthe eines Königs. Denn sobald er von dem Volke zu seinem König erwählt worden war, da richtete er allen Fleiß dahin, daß er dem Bienenkönige nachfolgte. Darum beschloß er zum ersten das herumschweifende Volk an einem besondern Orte zu versammeln wie die Bienen in ihrem Stock oder Faß, da ein Jeder seine Arbeit thut. Er ermahnte sie auch zum Acker- und Feldbau, nach dem es einem Jeden gebühren möchte. Etliche säeten und pflanzten Bäume, die Andern zogen Bienen, Andere Vieh, es waren auch Einige, die der Fischerei oblagen. Er machte auch Gesetze, damit er es verhüten möchte, daß ihnen das Land nicht zu enge würde. Zum ersten, daß kein Hausvater mehr Kinder oder Knechte erzöge, als ihm von Nöthen war, seine Arbeit zu vollbringen, die übrigen sollte er verkaufen oder töten. Es sollte auch kein Hausvater lahme oder unnütze Kinder aufziehen, die nicht tüchtig zur Arbeit seien, er erlaubte auch, daß ein Sohn seinen Vater erwürgen dürfe, wenn er nicht mehr arbeiten könne. Er verbot auch, daß man die Weiber nicht mehr ins Gemein brauchen sollte, auf daß ein Jeder wissen könne, welches sein Kind sei. Darum richtete er die Ehe ein. Welche oder wie viele Jungfrauen ein Hausvater beschliefe, um der Kinder willen, sie wären ihm nun fremd oder angehörig, so sollte er sie auch behalten und ernähren. Er verbot auch, daß Keiner eines Fremden Tochter entführe, es wäre denn, er kaufte sie. Den Ehebruch verbot er nicht gerade, aber er ließ die Ehebrecher aus seinem Gebiete verjagen. Damit er das grobe Volk etwas zahmer machte, so richtete er öffentliche Bankette ein und darin hat er auch nicht gefehlt, denn er machte sie bald so weich, daß er mit ihnen machte, was er wollte. Darum gebot er, man solle sich befleißigen gastfrei zu sein, denn das sei der Leim aller Freundschaft. Er lehrte sie auch einen Trank aus Honig und Wasser machen, den brauchten sie in ihrem Hauswesen oder eigenem Bankette, der schmeckte auch dem gemeinen Volke so wohl, daß sie bald ganz voll davon wurden. Er wollte auch etwas Glaubens aufrichten und schickte nach Preußen zu ihren Nachbarn, den Sudaven. Diese waren aber mit so unsinnigem Aberglauben befleckt, daß sie lehrten allerlei wüste Thiere, als Schlangen und Nattern anbeten, als wären diese Diener und Boten der Götter. Diese erzogen sie in ihren Häusern und opferten ihnen wie den Hausgöttern. Sie sagten, die Götter wohnten in den Wäldern, und deshalb müsse man ihnen auch opfern, daß sie Sonne und Regen gäben. Es werde auch ihr Opfer verunehrt, sobald ein Fremder dazu käme. Sie meinten auch gewißlich, man müsse dazu ein menschlich Opfer gebrauchen. Alle wilden Thiere, vorzüglich die Elenthiere, die in den Wäldern wohnen, die verehrten sie als Diener der Götter und thaten ihnen nichts. Sie glaubten auch, daß Sonne und Mond die vornehmsten Götter wären. Donner und Blitz beteten sie auch an, wie andere Völker und sagten, man müsse mit dem Gebet das Wetter bringen oder abwenden. Sie brauchten zum Opfer einen Bock, weil das Thier so fruchtbar ist. Sie meinten auch, die Götter wohnten in den vornehmsten großen Bäumen, als in den Eichbäumen. Daraus hörte man oft, daß die Götter (oder Teufel) Antwort gaben, so man etwas fragte. Darum hieben sie deren keinen ab, sondern hielten sie für Wohnungen der Götter. Sie zählten unter die Bäume auch den Flieder- oder Hollunderbaum und andere mehr. Er richtete auch ein, daß man Geburtstäge und Leichenfeier hielt und zwar mit Schlemmen und Prassen, Singen und Spielen und aller Freude. Sie sollten sich auch so halten, als wenn sie ein anderes Leben hofften. Dies bezeugten sie damit, daß sie die Toten mit aller Rüstung, Waffen, Hausrath und Kleidung begruben. Als nun Vidivitus das Volk also eingerichtet hatte, so regierte er das Land in großem Frieden, gestattete Niemandem auf die Nachbarn zu streifen, litt aber auch keinen Schaden von ihnen. Als er aber starb, da ließ er vier Söhne hinter sich, die wurden uneins um des Reiches willen, und überfielen einander mit Kriegen. Aber der älteste Bruder hatte eine Alanische Mutter und keine Hilfe, denn allein von den Alanen, so waren ihm die Preußen Feind, darum mußte er den Brüdern weichen, die mehr Volks an sich hatten. Als nun aber viele Schlachten geschlagen waren, da machten sie ein Ende ihrer Zwietracht, also daß der älteste Sohn, der von der Alanin geboren war, mit seinen Alanen wieder hinzog, von wo er gekommen war, daselbst sollte er über sie herrschen, wie er mochte, und sollte den drei Brüdern, die in Preußen von einer preußischen Mutter geboren waren, das Land Preußen lassen. Dies Gedinge nahm der Litalanus (also hieß der erste Bruder) an und zog aus Preußen mit einem großen Haufen seines Volkes. Dieweil ihrer nun so viele waren, so füllten sie das alte Land wieder aus, welches sie leer fanden. Sie sind darnach auch von diesem ihren Hauptmanne Litalanus genannt worden und heißen jetzt Lithuaner. Die aber in Preußen blieben, die teilten das Land nach den Häuptern, und ward dem Pomesanus, welcher der älteste unter ihnen war, das Theil Landes, das Hulmigerien am nächsten liegt. Da wohnten dazumal die Germanen, vor denen sich die Preußen am Meisten fürchteten. Dieweil aber Pomesanus ein tapferer und trotziger Mann war, so verhofften sie, er werde das Land am Besten beschirmen, und ist dieser Theil darnach Pomesania genannt worden. Der andere Sohn Vidiviti, Galingus genannt, dem ward das Land, das jetzt Galingia heißt, und das Land hat seinen Namen auch von ihm. Der dritte Natangus überkam Natangen, von ihm genannt. Dies sind die vornehmsten Theile des Preußenlandes, aber ihre Kinder und Kindeskinder teilten ihr väterliches Erbe weiter, damit sie mancherlei Namen eingeführt haben, daß diese Barti, jene Naoderiti genannt werden, so heißen auch noch die Wormenser von den Varmis her. Als nun die Söhne Vidiviti das Reich unter sich geteilt hatten, da legten sie den Königsnamen ab und regierte ein Jeder in seinem Theile, wie es ihm wohl gefiel, und wurden oft mit einander feindselig, doch waren sie in dem allerwegs eins, daß sie auch ihre Nachbarn vorzüglich die Germanen und Polen streiften und angriffen. Darum trieben sie ihnen unsäglich viel Vieh hinweg und wenn man ihnen dann nacheilte, so verbargen sie sich an heimlichen Orten in den Wäldern, wo ihnen Niemand zu folgen wagte. Aus diesen Räubereien hatten nun die Hauptleute und das Volk viel Verdienst, darum unterließen sie bald den Feldbau, dazu sie Vidivitus gezogen hatte, oder bauten nicht mehr als was sie für ein Jahr bedurften. Also kamen sie in Kurzem wieder in ihre alten Sitten hinein, mit Rauben und Morden.

Es giebt indeß noch eine andere Sage über diesen Waidewuttus, welche also lautet. Es hat nämlich ein König aus England, Namens Drusius, etliche Völker aus seinem Lande um ihrer Untreue willen nach Scandien, d.i. Norwegen, ins Elend verschickt und diese Völker sind nach langer Zeit aus Scandien oder Norwegen nach Cimbrien, jetzt Dänemark genannt, gekommen und von dannen weiter nach Gothland oder Klein-Cimbrien. Diese Scandianer sind dem Fürsten von Dänemark auch ungehorsam geworden und haben ihm keinen Tribut geben wollen. Als nun die Gothen Wälschland und andere Länder, welche sie mit Gewalt eingenommen hatten, räumen mußten, da kamen sie nach Westphalen und bauten allda eine Stadt, die heißt Göttingen. Sie blieben aber daselbst nicht lange, sondern wurden von da vertrieben und kamen nach Dänemark. Da sandten sie ihre Botschaft an den Fürsten dieses Landes, der hieß Tewdoth, und begehrten von ihm ein Stück Landes zur Wohnung. Tewdoth hatte viel von den Gothen und ihrer Macht gehört, fürchtete sich und gab den Gothen zur Antwort, er habe eine Insel in seiner Herrschaft, die heiße Klein-Cimbrien, darin sei ein Volk, die Scandianer, die erkenneten ihn nicht als ihren Oberherrn und wollten ihm keinen Tribut geben, so dies nun die Gothen tun wollten, so möchten sie Klein-Cimbrien einnehmen. Solches verhieß der Gothen Fürst Wysbo dem Tewdoth und sandte an den Scandianer Fürsten Bruteno und Wydewito und ließ sie fragen, ob sie Cimbrien mit Güte räumen wollten, weil sie ihrem rechten Oberherrn, dem Fürsten in Dänemark, nicht gehorsam sein noch Tribut geben, oder ob sie um die Insel mit den Gothen kämpfen wollten? Die Scandianer gingen zu Rathe, und sprachen: »Sollen wir Tribut geben, die wir edel und frei geboren sind, das wäre uns eine große Schande. Sollen wir aber mit den Gothen darum kämpfen, so sind wir verloren. Darzu so haben uns unsere Götter gerathen, daß wir dieses Land verlassen sollen, denn es würde unserem Volke zu klein werden, und wir werden ein anderes Land überkommen, darin wir größer und mächtiger sein werden.« Also gaben die Scandianer den Gesandten der Gothen Bescheid, so die Gothen mit den Scandianern einen ewigen Frieden machen wollten, daß die Scandianer vor ihnen mit Frieden blieben, in welchem Lande sie wohnen würden, so wollten sie Cimbrien gutwillig verlassen und davon ziehen. Und ein solcher Friede ward gemacht von beiden Theilen und mit Briefen und Siegeln bestätigt und bekräftigt. Die Insel, Klein-Cimbrien, ward nachgehens von den Gothen, die sie einnahmen, Gothland genannt und dieselben bauten dort ein Schloß, das sie nach ihrem Fürsten Wyesbra nannten, das heißt noch heutigen Tages Wisby. Darnach sind die Scandianer, Jung und Alt, Mann und Weib, 4600 mit Floßen durch Cronus (die Ostsee) und Hailibo (das frische Haff) und in das Land Ulmigeria in Preußen gekommen, wo sie fromme schlichte Leute fanden, und haben allda die ersten Schlösser gebaut, welche sie Honedo Bruteno genannt haben. Der Scandianer König hat sich erstlich gegen die Ulmigerier freundlich gehalten, viele Gastgebote gemacht und die Vornehmsten des Volkes an sich gelockt, hat sich das Volk anhängig gemacht, Etliche mit Freundschaft, Etliche mit Hinterlist, Etliche auch mit Gewalt, bis er ihr Oberherr geworden. Also sind die Scandianer nach Preußen gekommen. Nun waren aber die Ulmigerier bis dahin den Fürsten von der Masau oder den Masoviern zinspflichtig gewesen und hatten einen Tribut, bestehend aus den schönsten Kindern des Landes, dorthin schicken müssen. Die Cimbrier aber weigerten sich diesen Zins weiter zu bezahlen und als der König der Masovier Anthonos oder Andislaus drohte ihn selbst mit Gewalt zu holen, zogen Bruteno und Widewuto ihm bis an die Grenze entgegen. Anthonos hatte aber ein Hilfsheer aus Roxolanien, was jetzt Rußland heißt, erhalten und so schlug er sie und führte viele Jünglinge als Gefangene mit sich fort. Nachdem aber diese bei ihm die Kriegskunst erlernt hatten, entwichen sie wieder zu den Ihrigen und unterrichteten diese darin. Hierauf entbot Bruteno den ganzen Adel des Landes nach Rikaito, einem von ihm erbauten Schlosse, und als sie alle versammelt waren, da kam ein furchtbares Donnerwetter und sie glaubten, der Gott Perkunos steige selbst vom Himmel herab. Bruteno aber erklärte dieses Ereigniß für ein günstiges Vorzeichen und hieß sie gegen Anthonos ins Feld ziehen, die Götter würden ihnen beistehen. Sie brachen auch, nachdem sie sich in Meth berauscht hatten, in das Land der Masovier ein und töteten nicht blos Anthonos, sondern auch Zweybach, den Fürsten von Roxolanien, erschlugen viele seiner Leute und kehrten mit reicher Beute heim. Des Anthonos Sohn aber, Czanwig, sah, daß er den Cimbriern nicht gewachsen sei, kam also zu ihren Führern und bat um die Erlaubniß ihren Göttern opfern zu dürfen, und als er diese erlangt hatte, so ließ er auf einem freien Felde ein weißes Pferd zu Tode rennen und dann verbrennen. Von da kam es, daß Niemand im Lande ein weißes Pferd weiter mochte, sondern man mußte sie für die Götter halten. So ward Friede zwischen den Masoviern und Cimbriern, die jetzt Brutener hießen. Inzwischen beschlossen die Cimbrier sich einen König zu wählen und boten zuerst diese Stelle dem Bruteno an. Dieser aber erklärte, er könne diese Wahl nicht annehmen, da er sich zum Dienste der Götter verpflichtet habe, und schlug an seiner Stelle seinen Bruder Widewuto vor, der ein tapferer Mann sei und das Volk gut regieren werde. Widewuto aber mit dem ganzen Volke erklärten, sie wollten Bruteno zum Oberherrn haben und nannten ihn Kriwe Kriwaito, d.i. unser Herr nächst Gott, und versprachen ohne seinen Willen nichts zu tun, sondern ihm wie einem Gotte zu gehorchen. Von ihm nannten sie auch das Land Brutenia. Darauf baute Bruteno bei einer sechs Ellen dicken Eiche für die Götter Pakollo, Potrimpo und Pikollo, für den Kriwe Kriwaito und die Waidelotten oder Priester eine besondere Wohnung, die er Rikaito nannte, Widewuto aber baute zwischen Crono und Hailibo ein Schloß und nannte es Noytto oder Neitenburg auf der Nehrung und regierte von hier aus das Land.

Als nun Widewuto 116 und Bruteno 132 Jahre alt war, was im Jahre Christi 573 oder 600 geschehen sein soll, fürchteten sie, es möchte sich unter den Söhnen des erstern ein Zwiespalt entspinnen, wer von ihnen nach seinem Tode die Obergewalt haben solle, denn alle strebten darnach und hatten sich schon einen Anhang erworben. Da versammelte denn der Kriwe die Vornehmsten des Landes vor die heilige Eiche nach Romove in Samland und eröffnete ihnen, daß er die Götter befragen wolle, wie es mit dem Regiment des Landes nach Widewuto’s Tode gehalten werden solle. Am folgenden Tage hat er in Gegenwart Widewuto’s dem vor der heiligen Eiche versammelten Volke verkündigt, es sei der Wille der Gothen, daß das ganze Land unter die zwölf Söhne des Widewuto geteilt würde. Hierauf riefen sie zuerst den ältesten Sohn des letztern herbei, der hieß Litpho oder Litthuo und sprachen zu ihm: »Gelobest Du unsern gnädigen Göttern Andacht und ihrem Kriwaito Gehorsam und daran zu setzen Leib und Gut, so Jemand sie verringern wolle in ihrer Ehre?« worauf Litthuo sprach: »Ich gelobe es bei der Strafe meines Gottes Perkuno, der mich töten soll durch sein Feuer, so ich meinen Eid nicht halte!« Da sprach Bruteno: »So lege Deine Hand auf das Haupt Deines Vaters und darnach rühre die heilige Eiche an!« und also that er. Darnach sprach Widewuto: »Du sollst Herr sein im Lande von Borko (Bug) und Nyemo (Niemen), den fließenden Wassern bis an Themso an den Wald.« Und er nahm es mit der Zeit ein und baute sich eine Veste, die nannte er nach seinem Sohne Gartho (Grodno), das Land aber bekam von ihm selbst den Namen Litthauen.

Darnach erhielt Samo, Widewuto’s zweiter Sohn, das Land von Crono und Hailibo bis auf Skara das Wasser und nahm es mit der Zeit ein und nannte es nach sich Samland. Er baute sich aber auf einem aufgeschütteten Sandberge eine Veste, die nannte er Chailgarwo (Galtgarben). Seine Frau Pregolla ertrank später in dem Flusse Skara und dieser ward nach ihr Pregel genannt.

Der dritte Sohn Sudo bekam das Land zwischen Crono, Skara und Curtono (das kurische Haff), was er zu seiner Zeit einnahm und nach seinem Sohne eine Veste Perpeylko baute, das Land bekam aber nach ihm den Namen Sudauen. Die Einwohner aber haben sich alle für Edelinge gehalten und sind die lustigsten Leute in ganz Preußen.

Nadro, der vierte Sohn, erhielt das Land zwischen Skara, Bolko und Curtono, nannte es Nadrauen und erbaute dort eine Veste, Staymto geheißen.

Scalawo, der fünfte Sohn, erhielt das Land zwischen Pregolla, Curtono, Niemo und Rango dem Wasser und nannte es Scalawonien (Schalauen). Seine Unterthanen waren aber die faulsten und ungetreusten in ganz Preußen.

Natango, der sechste Sohn, erhielt das Land zwischen Pregolla, Alla, Bassaro (Passarge) und Hailibo und wohnte auf dem Schlosse Honeda. Das Land erhielt den Namen Natangen. Sein Sohn Lucygo, dem die Burg Noyto und das Wasser Crono zugeeignet ward, war ein eifriger Fischer. Er fand zuerst den Bernstein.

Barto, der siebente Sohn, erhielt die Alla aufwärts bis an Lycko (Lyck) das Wasser und bis an das Land seines Bruders Lytpho und nannte es nach der darin erbauten Veste Barto (Bartenstein) Bartenland. Er hatte viele Söhne, von denen sich jeder eine Veste erbaute, aber mit den Erben Natango’s stets in Zwietracht lebten, weil sie glaubten, bei der Theilung zu Gunsten Lucygo’s geschädigt worden zu sein.

Der achte Sohn Galindo erhielt das Land von Kaboso an bis an die Grenzen von Masau und nannte es Galindien, nachdem er eine Burg, Galindo (Galinderberg) erbaut hatte.

Dem neunten Sohne Warmo verlieh der König die Lande an der Nava (Naviensee) und Bassaro. Er erbaute sich eine Feste Tolo und nannte das Land nach seiner Gemahlin Ernia Warmien oder Ermeland.

Hoggo, der zehnte Sohn, erhielt das Land zwischen Weseke, Bassaro und Drusino (Draussen) dem Wasser. Er nannte das Land Hogger- oder Hockerland, oder auch nach seiner Tochter Poggezana Poggesanien82 und baute sich eine Veste Tolko (Tolkemit), nachher Schafsberg genannt.

Der eilfte Sohn des Königs, Pomeso, erhielt das Land zwischen Weseke, Mokra (Ossa), Noyta (Nogath), Istula (Weichsel) bis an die Grenze von Masau und nannte es Pomesanien. Er hatte keine Burg, sondern lebte unter einem Zelte. Seine Söhne aber bauten die Burgen zu Risno (Riesenburg), Bolto, Waso und Nargoltons.

Der zwölfte Sohn des Königs, Chelmo, erhielt das Gebiet zwischen Mokra, Istula und Driwantza (Dreventz) und baute sich eine Burg, die er Chelmo nannte und jetzt Althaus Kulm heißt, und eine zweite, welche er nach seinem Sohne Potto (Potterberg) nannte. Das Land aber bekam den Namen Kulmerland.

Als nun Widewuto seines hohen Alters wegen nicht mehr wie sonst die Seinigen anführen konnte, so machten die Nachbarvölker ein Bündniß, um dies zu benutzen und in das Land der Brutener einzufallen. Er beschloß also, sich selbst für sein Land zum Opfer zu bringen und seinen nunmehr unnützen Körper dem Feuer zu übergeben, damit er sich also mit den Göttern unterreden und ihre Hilfe gegen die Feinde des Landes erbitten könne. Er befahl also seinem Sohne, sobald sein feierliches Leichenbegängniß abgehalten und seine Asche verbrannt sei, den Kampf im Vertrauen auf die Hilfe der Götter muthig zu beginnen. Hierauf ließ er vor der großen Eiche zu Romove einen hohen Holzhaufen errichten, auf den das Volk brennende Fackeln warf, so daß die Flammen mit großem Geprassel in die Luft fliegen. Dann brachten sie Opfer an kleinem und großem Vieh, sonderlich Ochsen mit vergoldeten Hörnern, deren Eingeweide sie in die Gluth warfen. Der König aber stand herrlich bekleidet, eine goldne Schale mit Meth, den er einer großen schwarzen Kuh zwischen die Hörner goß, haltend, den rechten Fuß und den linken Arm aber nackt, und betete zu den Göttern, sie möchten ihn als Opfer für sein Volk gnädig annehmen und dafür seinem Volke den Sieg verleihen. Nach dieser Rede stürzte er sich furchtlos in die Flammen. Hierauf führten die Obristen des Volkes und die Jünglinge einen Kriegsreigen mit kläglichem Jammer und Geschrei um den Scheiterhaufen auf und schlugen dreimal mit den Waffen an einander, daß es weithin durch den Wald schallte, dann aber riefen sie alle nach Rache und zogen muthig gegen ihre Feinde.

Nach einer andern Sage hat sich aber auch Widewuto’s Bruder Bruteno freiwillig dem Feuertode geweiht und das Volk hat dann Beide als Götter verehrt, erstern unter dem Namen Ißwambrato, letztern unter dem des Wurßkaito.

Die Götter und Feste der alten Preußen

Die letzten heidnischen Preußen, so mit den Polen und Masuren viele Kriege geführt und hernach von den Ritterbrüdern des deutschen Ordens überwunden und zum Christenglauben geführt worden sind, haben nun, je nachdem ein Volk nach dem andern in ihr Land gekommen ist, andere Götter kennen gelernt, Manches mögen sie auch von den alten Römern aufgenommen haben.

Erstlich erwählten sie alte Männer, welche sie in großer Würde und für heilig hielten, wie die Christen ihre Bischöfe. Diese nannten sie Wurschkayten, welche sie in ihrer Heiligung anriefen, nach ihren Gebrechen und Begehr ihrer Götter. Die Namen derselben lauteten aber also:

Ocopirnus, der Gott des Himmels und der Erden; Swayxtix, der Gott des Lichtes; Ausschweytus, der Gott der gebreßhaftigen Kranken und Gesunden; Antrympus, der Gott des Meeres und der großen See; Potrympus, der Gott der fließenden Wasser; Perdoytus, der Gott der Schiffe; Pergribrius, der Gott der Laub und Gras wachsen läßt; Pelwittus, der Gott welcher reich macht und die Scheuern füllt; Percunus, der Gott des Donners, Blitzes und Regens; Packullus, der Gott der Hölle und der Finsterniß; Pockollus, die fliegenden Geister oder Teufel; Puschkaytus, der Gott der Erde unter dem Hollunder; Barstucke, die kleinen Erdleutlein, der Götter Diener, und Merkopete, die Erdleute.

Diese Götter brauchten sie bei der Heiligung des Bocks und hielten sie für die größten und ruften sie bei den folgenden Festen an.

Das erste Fest hielten sie, ehe denn der Pflug anging. Das Fest nannten sie Pergubri. In allen Dörfern kamen sie zusammen in ein Haus, dort war eine Tonne Bier oder zwei bestellt. Der Wurschkayt hob nun eine Schale voll Bier auf und betete zu dem großmächtigen Gotte Pergribrius: »Du treibst den Winter weg und giebst in allen Landen Laub und Gras. Wir bitten Dich, Du wollest unser Getreide auch wachsen lassen und alles Unkraut dämpfen.« So setzte er die Schale nieder, faßte sie dann mit dem Munde, hob sie mit den Zähnen auf, trank das Bier aus und warf die Schale ohne die Hand zu rühren über den Kopf und einer hinter ihm wartete darauf, hob die Schale auf, brachte sie wieder und setzte sie abermals mit Bier gefüllt vor den Wurschkayten. Dieser hob an wieder zu bitten, wie eben erwähnt, den Gott Percunus, er wolle gnädigen und zeitlichen Regen gewähren und Pockullum mit seinen Unterthanen wegschlagen, er trank hierauf das Bier aus und nun tranken sie alle rings umher. Nachdem hebt der Wurschkayt zum dritten Male wieder an und bittet den mächtigen Gott Swayxtix, daß er sein Licht zu rechter und bequemer Zeit scheinen lasse über das Getreide, Gras und Vieh. Zum vierten Male hebt er an und bittet den gewaltigen Gott Pelwittus, daß er Gras wachsen lasse und schöne Ernte gebe und ihr Gewächs in den Scheunen mehre. Darnach trinkt er einem jeden Gott zu Ehren eine Schale voll Bier ohne Handrührung aus und die Schale darf nicht stehen, sondern muß gehalten werden. So singen sie ihre Lobgesänge denselben Göttern zu Ehren. Das Bier wird gewöhnlich von einem gemeinen Stücke Ackers gekauft, was der Acker einbringt, das wird verkauft und das Bier damit bezahlt.

Das andere Fest der Heiligung ist nach dem Augustmonat und so das Getreide wohl gerathen ist, so heiligen und ehren sie die vorigen Götter mit großer Danksagung und der Wurschkayt ermahnt das junge Volk, daß sie die Götter in Ehren halten und nicht erzürnen. »Sie haben nun gesehen, welch ein Sommer gewesen ist etc.« und es wird alles geendigt mit der Schale voll Bier, wie oben gesagt. Ist aber ein nasses Jahr gewesen und das Getreide nicht gerathen, auch schlecht eingeheimst, so machen sie auch ein Fest und der Wurschkayt bittet den großmächtigen Gott Ausschweytus, daß er bitten wolle die Götter, als Porzupriuno, Percunum, Swayxtixen und Pelwittum, ihnen forthin im nächsten Jahre gnädig zu sein. Sie bekennen, daß sie ihre Götter erzürnet haben etc. So heben sie an sich untereinander zu schätzen. Ein jeglicher muß ein halbes Viertel Gerste geben, auch wohl ein ganzes Viertel zu Bier. Auch schätzen sie die, so im Dorfe ihre Statuten und Willküre übertreten haben und die Weiber müssen zutragen Brod vom ersten Gewächs und die Heiligung währt so lange, als sie Bier haben.

Von dem Gotte der Erden, Puschkaytus, glauben sie, daß er in der Erde wohne unter dem Hollunderbaume und das Holz halten sie für heilig. Darum tragen sie Bier und Brod hin und bitten ihn, daß er seine Mercopeten (Erdleute) erleuchte und seine Barstucken (kleine Männer  in ihre Scheuern sende, daß sie ihnen Getreide dahin bringen und auch, was sie dahin gebracht haben, behüten wollen. Auf die Nacht aber setzen sie in die Scheune einen Tisch, den decken sie, und setzen darauf Speise, Bier und Brod und laden das Gesindchen zu Gaste, und wenn sie am Morgen aufstehen und finden etwas von der Speise verzehrt, so freuen sie sich sehr, und soviel verzehrt worden ist, so sie wieder heiligen, das tun sie ihnen wieder auf den Tisch und glauben, daß durch die Götter ihr Getreide gemehret wird. Wenn aber die Speise über Nacht unberührt blieb, bekümmerten sie sich sehr. Der Gott der Schiffsleute Perdoytus wird nun aber allein geehrt von den Schiffern, weil sie meinten, ihre Götter hätten sie verlassen und wollten ihnen nicht mehr helfen, und von den Fischern, die da auf der See fischen. Sie glauben, daß ein großer Engel auf der See stehe, und wo sich der Engel hinkehre, da blase er den Wind hin, wenn er zornig wird, und blase die Fische weg, daß sie mit seinem Zorn untergehen. Den Engel heißen sie Perdoatys. Dies tun gemeiniglich die rechten Preußen und Sudaven, und alle, die mit ihnen fischen, die heiligen diesen Gott Perdoaytissen. Sie kochen in einer Scheune ein mächtig Theil Fische und tun sie auf ein reines Bret, wenn sie gar sind, und essen und trinken aus Schalen oder aus kleinen tiefen Schüsselchen. Da steht ihr Signoth und theilet die Winde und sagt wo sie fischen sollen und auf welchen Tag.

Die Bockheiligung bei den alten Preußen

Wenn die alten Preußen den Bock heiligen wollten, so kamen vier oder sechs Dörfer zusammen. Waren ihrer viele, so kauften sie einen Bullen und kamen alle in ein Haus. Dort machten sie ein langes Feuer, die Weiber brachten Weizenmehl und teigten es ein, den Bock oder Bullen führten sie vor den Wurschkayten, der legte beide Hände auf das Thier und rufte alle Götter an, sie möchten doch ihr Fest annehmen und dieses Fleisch und Brod heilig machen, auf daß sie ihre Heiligung würdiglich begehen möchten, und nannte alle Götter und gab einem jeden Gott seine Ehre und was für eine[527] Macht er habe. Darnach führen sie den Bock in die Scheune, dort heben sie ihn auf und gehen alle umher. Der Wurschkayt ruft nun die Götter abermals an, hat sich aufgeschürzt und spricht: »Dies ist das löbliche Gedächtniß unserer Väter, auf daß wir den Zorn unserer Götter versöhnen«, und sticht den Bock in die Kehle. Das Blut lassen sie nicht auf die Erde kommen und mit demselben besprengen sie ihre Habe und ihr Vieh. Darnach schlachten sie das Thier und tun das Fleisch in einen Kessel und die Männer setzen sich umher um das Feuer und die Weiber bringen den Weizenteig und machen davon Küchlein und geben diese den Männern, dieselben werfen das ungebackene Brod durch das flammige Feuer einer dem andern zu, bis sie vermeinen, daß es gar sei. Wenn aber das Fleisch gar ist, so theilen sie das Fleisch und Brod aus und essen und trinken aus Hörnern die ganze Nacht. Am Morgen früh vor Tagesanbruch gehen sie alle vor das Dorf hinaus und tragen mit sich Knochen und Brosamen und alles, was übrig geblieben ist. Das legen sie auf die Stätte, die sie sich ausersehen haben, und vergraben es und tragen alle zusammen Erde darauf und wachen, daß kein Hund dazukommt. Darnach scheiden sie nach Hause und befehlen sich den Göttern und tun Danksagung ihrem Signoth, den sie Wurschkayten heißen. Diese Gewohnheit, den Bock zu heiligen, ist noch eine lange Zeit auch bei den Zeiten des Ordens unter etlichen Preußen geblieben, vornehmlich bei den Sudaven, welche man lange noch die Bockheiliger geheißen hat, bis daß sie mit der Zeit durch die Obrigkeit und ihre Prediger davon sind abgehalten worden. Indeß haben noch im Jahre 1531 sich sechs Dörfer im Samland heimlich zusammengetan, einen Weydelotten gewählt und dieser hat ihnen eine fette Sau heiligen müssen, und so haben sie ihre Kirchweih etliche Tage gehalten, vermeinend, ihre Götter wieder zu versöhnen, damit sie wiederum viele Fische fangen möchten. Denn die Buben hatten Gott erzürnt, indem, da er ihnen genugsam bescheert, sie die Fische mit den Schwänzen aufhingen, sie stäupten und sagten, sie sollten sobald nicht wiederkommen. Das Fleisch von dieser geschlachteten Sau ward in kleine Stücke zerhauen, gebraten und endlich also verzehrt, die Knochen aber, wie auch die übrigen Brocken außerhalb des Hauses verbrannt. Auch noch in der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts haben die Bauern zu gewisser Zeit in der Nacht allerhand Speisen zubereitet und die Erstlinge mit gewissen Gebetlein eingeweihet. Hernach sind die Teufel gerufen worden und die Stube wohl verschlossen, damit sie also allein die Speisen verzehren möchten, wie denn auch allen Hausgenossen bei Leibes und Lebens Strafe verboten worden ist, in dieses Gemach zu gehen. Sie meinten aber, daß dadurch der Teufel versöhnt werde, damit er dem Viehe oder den Feldfrüchten keinen Schaden zufüge.

Wie die alten Preußen die Schlangen verehrt haben

Bei den alten Preußen pflegten sich Schlangen unter den Oefen oder andern verborgenen Oertern im Hause aufzuhalten. Zu einer gewissen Zeit des Jahres brachte nun der Priester durch verschiedene abergläubische Gebete diese Schlangen aus ihren Löchern. Wenn sie herausgekrochen waren, so schlichen sie auf einem weißen saubern Tüchlein auf den Tisch. Daselbst fanden sie allerlei Speise, die ihnen der Wirth aufgesetzt hatte. Dieselbe kosteten sie alle und gingen wiederum ebenso denselben Weg zurück nach ihren Löchern. Wenn sie sich nun wiederum darin verkrochen hatten, kam der Wirth mit seinem ganzen Hause und machte sich an den Gerichten, so die Schlangen berührt, lustig, in der gewissen Hoffnung lebend, daß ihm auch das nächste Jahr Alles glücklich von Statten gehen werde. Im entgegengesetzten Falle aber, wenn die Schlangen auf die Gebete der Priester nicht hervorkamen, oder, wenn sie auch kamen, die aufgesetzten Speisen nicht berührten, bildeten sie sich nichts anderes ein, als daß sie das künftige Jahr viel Ungemach ausstehen müßten. Diejenigen Schlangen aber, welche in den hohen Eichen auf dem Felde oder in den Wäldern verehrt wurden, haben die Weiber auf diese Weise gehalten. Sie pflegten zu gewissen Zeiten zu den Eichen zu kommen, den Schlangen Milch vorzusetzen und sie zu bitten, sie sollten ihren Männern Kraft geben, daß sie von ihnen schwanger würden.

Wie die alten Preußen einen Dieb erkundet haben

Wenn einem was gestohlen ward, so suchte er einen Weydeler oder eine Weydlerin und dies thaten sowohl die Deutschen als die Preußen, und nannten ihn Sigenoth und hielten viel auf ihn, damit er ihnen an ihrem Vieh oder Korne keinen Schaden thue. Diese Sigenothen waren nun aber gemeiniglich arm, blind oder lahm und konnten sich selbst nicht helfen, und fragte man sie, warum sie so arm seien, so sagten sie: ihre Götter wollten es so haben. Dieser Sigenoth rufte nun an den Gott des Himmels Oocchinnus und den Gott der Erde, Puschkaythus und ermahnten sie, sie möchten den Dieb nicht über ihre Grenze gehen lassen. Dann nahm er zwei Schüsseln und legte in die Schüsseln zwei Pfennige und goß Bier darauf, den einen für den Dieb, den andern für sich. Dann machte er ein Kreuz mit Kreide und strich mit der Kreide durch die Schüssel und schüttelte mit derselben und auf welchen Ort darin der Diebspfennig kam, den Weg ist der Dieb gelaufen, es sei in Osten, Süden, Westen oder Norden und er sprach zu dem, der das verloren hat: »An dem Orte mußt Du den Dieb suchen.« Auch muß der, dem etwas gestohlen ist, Bier holen lassen, und dann nimmt der Alte die Schale oder eine Schüssel und gießt dieselbe voll Bier, setzt sie auf die Erde, sieht gen Himmel und hebt seine Hände auf und spricht: »O Du gütiger Gott Himmels und der Erden und der Gestirne, durch Deine Kraft und Macht gebiete Deinen Knechten, auf daß Dir Deine Ehre nicht entzogen werde, daß dieser Dieb nicht möge Rast noch Ruhe haben, es sei denn, daß er wiederkomme und bringe wieder, was er gestohlen hat« und was der Diebstahl ist, das wird genannt. Er hebt nun die Schale auf, sieht hinein und ist eine Blase auf dem Biere, so ist sein Gebet erhört, ist aber kein Zeichen auf dem Biere, so trinkt er das, was in der Schale ist, aus, gießt sie wieder voll und thut wie zuvor, bis ihm ein Zeichen widerfährt. Diese Sitte hat sich nun auch noch unter den Kreuzherrn erhalten, nur daß dann der Priester, wenn er sah, daß eine Blase aus dem Bier aufschoß, hinzufügte: »Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.«

Original: Johann Georg Theodor Grässe, Sagenbuch des preußischen Staates

Schreibe einen Kommentar