Sagen rund um Meißen

Bischoff Ido zu Meißen

Der fromme Bischoff Ido oder Eicho, ein geborener Graf zu Rochlitz, starb auf der Rückreise aus Polen, wohin er zur Bekehrung der Heiden gezogen war, zu Leipzig (1016). Er hatte seinen Tod vorausgesagt und verlangt, man solle ihn nicht zu Meißen beerdigen, weil die Stadt noch ganz zerstört werden würde. Gleichwohl hat ihn Markgraf Eckhard dort begraben lassen in der Hoffnung, dadurch das Unglück abzuwenden. Doch ist sein Leichnam von seinem Vetter Graf Hermann von Rochlitz nach wenigen Jahren gen Colditz gebracht und dort in der St. Magnus-Kirche beigesetzt worden. Darauf ist 1020 die Pest nach Meißen gekommen und hat schrecklich gewütet.

Vom heiligen Beneda

Neben dem Schlosse Meißen hatte im Jahre 1088 der Böhmenkönig Wratislaus I. eine Gegenfestung angelegt, Guozedek genannt, nachdem das Land durch Kaiser Heinrich IV. mit Böhmen vereinigt worden war. Da kam ein böhmischer Edler, Namens Beneda, der aus seinem Vaterlande verbannt war, zum h. Benno und bat ihn um Aufnahme, die dieser ihm auch gewährte. Der Böhmenkönig aber ließ ihn auffordern unter sicherem Geleite auf Burg Guozedek zu kommen, was jener auch that, allein als dieser sich von dem König mit glatten Worten verleiten ließ, Mantel und Schwert abzulegen, da wollte dieser ihn greifen lassen, Beneda aber entriß einem Kämmerling sein Schwert und hieb diesen zuerst nieder. Da nun der König allein war, so versprach er ihm Gnade, wenn er einhalten wollte: Beneda that auch dieses, da drang der König, der mittlerweile sich wieder gefaßt hatte, selbst auf ihn, wäre aber von ihm getötet worden, wäre nicht die Wache herbeigeeilt und hätte Beneda nach tapferer Gegenwehr überwältigt. Hierauf ist dieser mit vier Pferden zerrissen und sein Körper am 11ten Juli vor dem Eingange zur Domkirche, wo sein Grabstein noch jetzt ist, beerdigt worden; das Grab umgab aber ein Heiligenschein, er machte Tote lebendig, Blinde sehend, Taube hörend, Stumme redend und Aussätzige heil, worauf man seinen Leichnam ausgrub, zusammensetzte und in die Kirche nahm, wo er dann unter die Heiligen versetzt ward.

Wunderbares Gelüste einer Frau

Im Jahre 1506 hat eine hochschwangere Frau auf dem Marktplatze zu Meißen einen Tuchknappen mit bloßen Beinen stehen sehen, da hat es ihr gelüstet, drei Bisse in seine Waden zu tun, welches er zweimal geschehen lassen, aber das dritte Mal nicht, darauf sie von drei Söhnen genesen, mit zwei lebendigen und einem toten.

Wunderbare Errettung eines Kindes

Im Jahre 1565 hat eine Jungfrau ein dreijähriges Mädchen aus der Stadt Meißen entführt, als sie nun an das angeschwollene Flüßchen Triebisch kam, hat sie es entkleidet, nackt durchgeführt und dann wieder angezogen, aber trotz Regens und Sturms auf der Erde liegen lassen und ist davon gegangen. Hier ist es erst am Mittage des folgenden Tages von einem Landmann auf dem Gesichte liegend, aber unversehrt gefunden worden, und als die bekümmerten Eltern das wiedergefundene Kind gefragt, wer bei ihnen gewesen, antwortete es, weiße Hundchen hätten es bewacht.

Der Grabstein des Wolfgang von Schleinitz in der St. Afrakirch

Wolfgang von Schleinitz, ein sehr schöner Mann, soll verordnet haben, man solle ihn nicht, wie er bei seinem Tode aussehe, in Stein abbilden, sondern erst, wenn er einige Wochen in der Erde gelegen, ausgraben und was er dann für eine Gestalt habe, die solle man auf einem Steine abbilden. Solches Bild des den 4. Oktober 1523 gestorbenen Ritters ist heute noch in der St. Afrakirche zu schauen, nämlich ein Totengerippe, dem am Halse eine Schlange hängt, während Arme und Beine von Schlangen durchzogen sind.

 Die Meißner Hungerrosen

Bei der Stadt Meißen hat man etliche Male auf Weidenbäumen ein sonderbares Gewächs gefunden, eine Art Blumen an einem langen Stiele, holzfarbig und so hart wie ein Hobelspan. Weil nun jedes Mal, wenn man solches gefunden, ein schweres theures Jahr folgte, hat man jenes die Hungerrosen genannt. Zu Porten bei Dresden und Höllendorf bei Königstein sind im Jahre 1759, dort auf einer Linde, hier auf einer Weide solche Rosen gewachsen, und hat man dies als eine Vorbedeutung langen Friedens angesehen.

Die tapferen Weiber von Meißen

Am 13ten September des Jahres 1015 hat Mesico, des Herzogs Boleslai in Polen Sohn, die Stadt Meißen belagert, da gleich Niemand unter den Markgrafen daheim gewesen. Damals haben die Feinde der Stadt am heftigsten bei der Wasserburg zugesetzt und daselbst allbereit zwei Türme angezündet gehabt, welche die Weiber in Eil und in Mangel des Wassers mit Meth gelöschet. Da nun Mesico von einem nahen Berge gesehen, daß sich die Bürger so tapfer gewehrt, auch daß viele von den seinen umgekommen, hat er sie vom Belagern und Stürmen wieder abgerufen: darauf ist die Elbe des Nachts so sehr gewachsen, daß sich die Polen besorget, sie möchten das Ihre ober dem Wasser verlieren, sich derowegen davon gemacht. Wegen dieser Geschichte und wunderlichen Errettung der Stadt Meißen hat man hernach jährlich den Tag Mariä Geburt feierlich begangen, bis zu Mannes Gedenken, daß nämlich die Mannspersonen alle aufs Rathhaus, die Weiber aber ins Bürgermeisters Haus zusammenkommen, von dannen sie miteinander in die Kirche gegangen sind und Gott und nach derselben Zeit Gebrauch unserer lieben Frau für solche gnädige Abwendung der Feinde Gewalt gedanket und um ferneren Schutz gebeten haben. Mit den ersten Jahren der Reformation hat jedoch diese Prozession wieder aufgehört.

Die Bettelmannskirche

Auf der südöstlichen Seite von Meißen erhebt sich ziemlich steil der sogenannte Plossenberg, dessen westlich vorspringender Theil jedoch den Namen Martinsberg von der diese Höhe krönenden, 1570 zum Kloster St. Afra gehörigen Begräbnißkirche zu St. Martini (für die Bewohner der Dörfer Bockwein und Lerche) hat. Die Entstehung derselben wird verschieden erzählt. Nach einigen soll nämlich ein Ritter auf Schloß Siebeneichen bei Meißen sieben Söhne gehabt haben, deren einer Namens Martin ins gelobte Land zog, um für die von seinen Vorfahren begangenen Unthaten am Grabe des Erlösers Verzeihung zu erflehen. Nach langem Herumirren in der Fremde kehrte er endlich in sein Vaterland zurück und soll auf dem genannten Berge ein Pilgerhaus zur Aufnahme für Arme und Kranke gestiftet haben, welches, freilich in ausgearteter Gestalt – es war zu einer Freistätte für alles liederliche Gesindel geworden – bis zum J. 1520, unter dem Namen »der elende Kretscham (d.h. Herberge für elende Pilger)« am Fuße des Berges (zwischen der Salzniederlage und dem jetzigen Gasthof zum goldenen Schiff, welcher um 1531 die Gastgerechtigkeit von ihm erhielt) bestand. Mit diesem war aber eine Kapelle vereinigt worden, welche dem h. Martin geweiht war, der auch auf einem alten Altargemälde darin abgebildet war, wie er seine Kleider (nach der Legende) zerreißt und unter die Armen verteilt. – Einer anderen Ursache schreibt aber eine von der eben mitgeteilten abweichende Sage die Entstehung der Kapelle zu. Es lebte nämlich in der zweiten Hälfte des 15ten Jahrhunderts zu Meißen ein wackerer Bürgersmann, Namens Martin, seines Zeichens ein Maurer, der fast allen seinen Verdienst zur Unterstützung der Armen verwendete. Derselbe war auch mit unter den von dem Baumeister Arnold von Westphalen zur Erbauung der Albrechtsburg (1471-83) verwendeten Werkleuten, stürzte aber eines Tags von einem Gerüste herunter und ward in Folge dieses Falles, der ihn lange an’s Krankenbett fesselte, zum Bettler, da er alle seine früheren Kräfte verloren hatte und contract geworden war. In Folge davon mußte er betteln gehen, und so floß denn, wenn er auf den Stufen des Doms, auf Krücken gestützt, die in’s Gotteshaus Eilenden um Almosen anflehte, manche reichliche Gabe in seinen Bettlerhut. Siehe da kam die Pest mit ihren Schrecken, und Vater Martin ging nun in den angesteckten Häusern herum und brachte den Kranken, welche oft ihre eigenen Verwandten mieden, Trost, Abwartung und Hilfe, so daß manches Menschenleben lediglich durch seine Tätigkeit gerettet ward. Nachdem nun die Krankheit gewichen war, da schossen Rath und Bürgerschaft eine erkleckliche Summe zusammen, um ihm der Stadt Dankbarkeit zu beweisen. Martin aber lebte als Bettler fort und erbaute von dem ihm geschenkten Reichtum die Martinskirche, welche nach ihrem Erbauer auch die Bettelmannskirche genannt ward, und zum Andenken wurden in einem Steine im Innern der Kirche zwei Krücken eingehauen, welche für ewige Zeit an ihren Träger erinnern sollten und noch zu sehen sind.

Der Dombrand

Am 25sten April des Jahres 1547 stimmten die Domherrn zu Meißen wegen der Gefangennehmung des unglücklichen Kurfürst Johann Friedrich zu Mühlberg den Ambrosianischen Lobgesang bei voller Musik und unter Läutung aller Glocken an. Da schlug bei völlig wolkenleerem Himmel der Blitz in die Domkirche. Der zündende Blitzstrahl fuhr in die vordersten drei hohen prächtigen Haupttürme, durch das Gewölbe der Kirche in die Orgel, von da in die fürstliche Begräbnißkapelle und hier wieder heraus auf des Domherrn Dr. Hildebrand Günthers, eines berühmten Arztes († 1483) Grab, wo er durch die linke Achsel des auf der messingenen Platte befindlichen Bildnisses eine Oeffnung von Speciesthalergröße machte und hier erlosch. Nichtsdestoweniger brannten die Türme zusammen, stürzten neben dem Gewölbe herab, zertrümmerten viele der alten Monumente, die Glocken und die Orgelpfeifen zerschmolzen und auch das Kirchdach ging in Feuer auf. Daher kommt es, daß jetzt nur noch ein höckriger Turm statt dreien übrig ist, in den es übrigens, trotzdem daß er ganz durchsichtig ist, nie regnet, denn das Wasser läuft aus den Rachen der Hunde, welche an den Ecken des Turmes stehen, heraus, ohne in den Turm zu fallen.

 Das böse Quiproquo im Schlosse zu Meißen

Sonst befand sich, wenn man die Treppe in der Albrechtsburg heraufkam, eine sonderbare Historie in die Wand eingehauen. Es war einmal eine Markgräfin, welche nichts lieber sah, als blaue Violen, und demjenigen, so ihr im Frühjahr die erste zeigen konnte, eine schöne Verehrung gab: es ward auch dieses freudige Ereigniß allemal mit Trompeten- und Paukenschall bekannt gemacht. Als nun einstmals ihr Hofmeister die erste Viole erblickte, deckte er im Garten seinen Hut darüber, ging zur Markgräfin, dieselbe mit ihrem Frauenzimmer hineinzuführen und ihr das Violblümlein zu überliefern. Unterdessen hatte ihm aber der Hofnarr das Spiel verdorben und zu seinem Schimpf und Spott eine ganz andere Blume unter den Hut gelegt. Diese Geschichte hörte hier zu Meißen schon im 16. Jhrh. ein gewisser Philipp Hainhofer (s. Hormayr’s Taschenb. 1838. S. 256.) Sie ist auch dramatisch in dem altdeutschen Nithardspiele bei Keller, Fastnachtspiele Bd. I. S. 411 etc. und von Hans Sachs in einem Fastnachtsspiele (W. Bd. IV. Th. III.) behandelt worden.

Woher der Name: Der dumme Junge von Meißen?

Wenn man früher Fremden die Porzellanfabrik zu Meißen zeigte, so führte man sie auch in ein übrigens ganz leeres Zimmer, in dessen Winkel eine Porzellanfigur stand, welche einen 12-14jährigen Knaben in natürlicher Größe darstellte. Trat man nun aber auf eine gewisse Diele, unter der eine Feder war, welche mit jener Figur in Verbindung stand, so steckte jener Knabe die Zunge heraus, wie es die chinesischen Porzellanpagoden noch jetzt machen, wenn man ihren in einem Gewichte gehenden Kopf in Bewegung setzt. Diesen Porzellanjungen, von dem ein zweites Exemplar auch auf dem Schlosse Hubertusburg stand, nannte man den dummen Jungen von Meißen. Gleichwohl ist dieser Spottname wahrscheinlich weit älter und bezeichnet den bekannten Judenkopf im Wappen der meißnischen Markgrafen. Hier kommt derselbe ohngefähr erst seit 1349 vor, wo dieselben die Belehnung mit dem Judenschutz vom Kaiser erhielten. Das Volk, welches die Bedeutung des Judengesichts mit der Schellenkappe nicht begriff, legte der Figur jenen Beinamen bei, und so entstand aus dem dummen Juden von Meißen ein dummer Junge von Meißen. Sonderbarer Weise haben aber die Juden jetzt noch ein freilich entgegengesetztes Sprichwort von den Weisen zu Meißen, welches sich auf den Sanhedrin, den sie früher hier besessen haben sollen, bezieht.

Die Rätsel der Stadt Meißen

Von den Merkwürdigkeiten der guten Stadt Meißen existiren verschiedene Gedächtnißverse in lateinischer und deutscher Sprache. Wir setzen hierher als Probe des Meißner Poeten Johann Gottlob Kittel Reime, die freilich schlecht genug sind. Sie lauten also:

Schloß, Dom, Turm und Fürsten-Gräber, Porcellan, Gewölbe, Wein,

Schule, Brücke, guter Brunnen, Frösche, die verstummet sein,

Die elf Stücke schreibt von Meissen Fama selbst in Marmor ein.

Es giebt aber auch einige Rätsel von der Stadt selbst; das erste heißt:

Wo ist der Berg, darauf drei Schlösser stehen

Und nebenher drei Wässer gehen?

Die drei Flüsse nämlich sollen die Elbe, die Meiße, von der ganz Meißen den Namen haben soll, ob sie gleich sehr klein ist, und die Triebisch sein. Die drei Schlösser sind die noch vorhandene Albrechtsburg, das burggräfliche, welches durch die Zeit, und das bischöfliche, das durch Brand zerstört ist.

Ein anderes Rätsel lautet: Wo sind drei Schlösser auf einem Berge? ein Dörflein in einem Graben? und eine Brücke, die höher ist, als die Türme in der Stadt?

Das ist Meißen, denn auf dem Berge liegen die drei schon erwähnten Schlösser, das Dorf ist hier in dem Stadtgraben erbaut, und die Brücke auf der Albrechtsburg, welche den Schloßberg und den St. Afraberg verbindet und unter der der Weg nach Lommatsch und Freiberg geht, liegt höher als der Turm der Stadtkirche.

Der Götterfelsen bei Meißen

Einer der angenehmsten Spaziergänge der Bewohner der Stadt Meißen führt nach dem Buschbade im Triebischthale. Hoch über dem Thalgrunde, der hier förmlich zum Kessel wird, erhebt sich ein Fels, dessen höchste, steil abfallende Kuppe ein hohes eisernes Kreuz ziert. Diesen nennt man den Götterfelsen (Götterberg). Dieser Fels soll seinen Namen davon haben, daß die Hermundurer auf ihm ihre Opferfeste hielten, und wahrscheinlich haben hier die Sorben ihren guten Gott, den Dobribog verehrt, wofür der Name des nahe gelegenen Dorfes Dobritz spricht.

HINWEIS: Die Sagen rund um den heiligen Bischof Benno zu Meißen sind hier zu finden: Benno von Meißen – Sagen und Geschichten

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