Die Sachsen und die Thüringer

Die Erzählung von den Sachsen und Thüringern ist ein klassisches Beispiel für eine sogenannte Origo gentis, eine Stammesbildungssage, wie sie der Chronist Widukind von Corvey im 10. Jahrhundert in seinen Res gestae Saxonicae niedergeschrieben hat. Historische Belege für den exakten Ablauf dieser Ereignisse gibt es nicht; vielmehr handelt es sich um eine literarische Verdichtung komplexer machtpolitischer Verschiebungen in ein einprägsames, mythisches Bild.

Der Kern der Erzählung – die Landung an der Elbmündung im Lande Hadeln – spiegelt zwar die maritime Tradition der Sachsen wider, doch die Archäologie zeichnet ein anderes Bild als die Sage. Die Sachsen entstanden nicht als geschlossenes Volk, das plötzlich mit einer Flotte ankam, sondern formierten sich über Jahrhunderte aus verschiedenen germanischen Kleinstämmen zwischen Elbe und Weser. Die Geschichte vom Erdekauf mit dem Gold ist dabei ein bekanntes Wandermotiv der antiken und mittelalterlichen Literatur. Sie dient dazu, den späteren Landraub juristisch und moralisch zu legitimieren: Die Sachsen werden als klug und weitsichtig dargestellt, während die Thüringer als gierig und einfältig erscheinen. Der symbolische Tausch von Gold gegen Erde sollte den sächsischen Anspruch auf das Territorium als „rechtmäßig erworben“ untermauern.

Besonders bedeutsam ist das Motiv des Verrats bei der Friedensversammlung. Die Schilderung, wie die Sachsen ihre Saxe (einschneidige Hiebmesser) unter den Kleidern verbargen, um die wehrlosen Thüringer zu ermorden, findet sich in fast identischer Form auch in den Gründungssagen der Sachsen in Britannien wieder. Historisch lässt sich dieser „Verrat“ als Echo der tatsächlichen Zerschlagung des Thüringer Reiches um das Jahr 531 n. Chr. deuten (mehr dazu in der Iring Saga). Damals verbündeten sich die Sachsen mit den Franken, um die thüringische Vorherrschaft gewaltsam zu beenden. Die Sage komprimiert diesen langjährigen, blutigen Konflikt auf ein einziges, hinterlistiges Ereignis.

Auch die Namensableitung der Sachsen von ihren Messern ist zwar sprachwissenschaftlich plausibel, doch die dramatische Herleitung aus diesem Massaker ist eine spätere Konstruktion, um den kriegerischen Ruf des Volkes zu festigen. Insgesamt betrachteten die Zeitgenossen Widukinds solche Geschichten nicht als exakte Protokolle, sondern als Identitätsstiftung: Sie erklärten dem mittelalterlichen Leser, warum sein Volk mächtig war, warum ihm das Land gehörte und warum man die sächsische List als Zeichen von Überlegenheit gegenüber den Nachbarn deuten durfte.

Die Sagen zu den Sachsen und Thüringern im Original (Gebrüder Grimm)

Die Sachsen zogen aus und kamen mit ihren Schiffen an den Ort, der Hadolava heißt, da waren ihnen die Landeseinwohner, die Thüringer, zuwider und stritten heftig. Allein die Sachsen behaupteten den Hafen, und es wurde ein Bund geschlossen, die Sachsen sollten kaufen und verkaufen können, was sie beliebten, aber abstehen von Menschenmord und Länderraub. Dieser Friede wurde nun auch viele Tage gehalten. Als aber den Sachsen Geld fehlte, dachten sie, das Bündnis wäre unnütz. Da geschah, daß einer ihrer Jünglinge aus den Schiffen ans Land trat, mit vielem Gold beladen, mit güldenen Ketten und güldenen Spangen. Ein Thüringer begegnete diesem und sprach: »Was trägst du soviel Gold an deinem ausgehungerten Halse?« – »Ich suche Käufer«, antwortete der Sachse, »und trage dies Gold bloß des Hungers halben, den ich leide; wie sollte ich mich an Gold vergnügen?« Der Thüringer fragte, was es gelten solle. Hierauf sagte der andere: »Mir liegt nichts daran, du sollst mir geben, was du selber magst.« Lächelnd erwiderte jener: »So will ich dir dafür deinen Rock mit Erde füllen;« denn es lag an dem Ort gerade viel Erde angehäuft. Der Sachse hielt also seinen Rock auf, empfing die Erde und gab das Gold hin; sie gingen voneinander, ihres Handels beide froh. Die Thüringer lobten den ihrigen, daß er um so schlechten Preis so vieles Gold erlangt; der Sachse aber kam mit der Erde zu den Schiffen und rief, da ihn etliche töricht schalten, die Sachsen ihm zu folgen auf; bald würden sie seine Torheit gutheißen. Wie sie ihm nun nachfolgten, nahm er Erde, streute sie fein dünne auf die Felder aus und bedeckte einen großen Raum. Die Thüringer aber, welche das sahen, schickten Gesandte und klagten über Friedensbruch. Die Sachsen ließen sagen: »Den Bund haben wir jederzeit und heilig gehalten; das Land, das wir mit unserm Gold erworben, wollen wir ruhig behalten oder es mit den Waffen verteidigen.« Hierauf verwünschten die Einwohner das Gold, und den sie kürzlich gepriesen hatten, hielten sie für ihres Unheiles Ursächer. Die Thüringer rannten nun zornig auf die Sachsen ein, die Sachsen aber behaupteten durch das Recht des Krieges das umliegende Land. Nachdem von beiden Teilen lange und heftig gestritten war und die Thüringer unterlagen, so kamen sie überein, an einem bestimmten Ort, jedoch ohne Waffen, des neuen Friedens wegen zusammenzugehen. Bei den Sachsen nun war es hergebrachte Sitte, große Messer zu tragen, wie die Angeln noch tun, und diese nahmen sie unter ihren Kleidern auch mit in die Versammlung. Als die Sachsen ihre Feinde so wehrlos und ihre Fürsten alle gegenwärtig sahen, achteten sie die Gelegenheit für gut, um sich des ganzen Landes zu bemächtigen, überfielen die Thüringer unversehens mit ihren Messern und erlegten sie alle, daß auch nicht einer überblieb. Dadurch erlangten die Sachsen großen Ruf, und die benachbarten Völker huben sie zu fürchten an. Und verschiedene leiten den Namen von der Tat ab, weil solche Messer in ihrer Sprache Sachse hießen.

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