Das Volkslied von der „Frauen von Weissenburg“ ist weit mehr als eine bloße Moralerzählung; es basiert auf einem der spektakulärsten Kriminalfälle des deutschen Hochmittelalters. Hinter den Versen verbirgt sich der reale Mord an Pfalzgraf Friedrich IV. von Goseck (auch Friedrich von Putelendorf genannt), der sich am 20. März 1125 ereignete. Dieses Ereignis erschütterte den sächsisch-thüringischen Raum tiefgreifend und wurde über Jahrhunderte hinweg in Chroniken und Liedern verarbeitet.
Der Kern der Geschichte ist ein klassisches Dreiecksverhältnis aus Macht, Liebe und Verrat. Der Pfalzgraf Friedrich IV. war ein einflussreicher Adliger, der unter anderem die Weißenburg an der Unstrut besaß. Sein Gegenspieler war der ehrgeizige thüringische Landgraf Ludwig der Springer, der ein Verhältnis mit Friedrichs Ehefrau, Adelheid von Stade, unterhielt. Um den Weg für eine Ehe und die Vereinigung ihrer Machtbereiche frei zu machen, schmiedeten die Liebhaber ein Komplott.
Historische Quellen wie die Cronica Reinhardsbrunnensis bestätigen, dass Ludwig der Springer den Pfalzgrafen während eines Jagdausflugs in der Nähe von Zscheiplitz (unweit der Weißenburg) überfiel. Gemeinsam mit seinen Helfern erstach er den Pfalzgrafen mit Jagdspießen. Anders als im Lied, das Ludwigs Reue und die Zurückweisung der Frau betont, heiratete der Landgraf die Witwe Adelheid in der Realität tatsächlich. Diese Verbindung legte den Grundstein für den massiven Aufstieg der Ludowinger-Dynastie in Thüringen.
In der von dir zitierten Fassung aus Brotuffs Marsburger Chronik wird die Geschichte moralisch zugespitzt. Während die historische Adelheid gemeinsam mit Ludwig die Herrschaft festigte, stellt das Lied sie als die „falsche Frau“ dar, die am Ende an ihrer eigenen Tat verzweifelt. Auch das Motiv der Armbrust und der Szene unter der Linde sind typische poetische Ausschmückungen, die den Mord dramatischer gestalten sollten.
Besonders interessant ist das Ende des Liedes: Der Mörder Ludwig erkennt plötzlich die Sündhaftigkeit der Tat und weist das „veracht gewonnene Gold“ (den Ring) zurück. Dies spiegelt die spätere Legendenbildung wider, nach der Ludwig schwere Buße für den Mord leisten musste. Tatsächlich wurde er für die Tat gefangen gesetzt und entkam der Überlieferung nach nur durch einen kühnen Sprung von der Burg Giebichenstein in die Saale – was ihm seinen berühmten Beinamen „der Springer“ einbrachte. Zur Sühne stiftete er zudem das bedeutende Kloster Reinhardsbrunn.
Die Frau von Weissenburg
Aus Meißner’s und Canzler’s Quartalschrift für ältere Literatur. II. S. 102. Brotuff’s Marsburger Chronik.
Was wolln wir aber singen,
Was wollt ihr für ein Lied,
Ein Lied von der Frauen von Weissenburg,
Wie sie ihren Herrn verrieth.
Sie ließ ein Briefelein schreiben,
Gar fern ins Thüringer Land,
Zu ihrem Ludewig Buhlen,
Daß er da käm zur Hand.
Er sprach zu seinem Knechte:
Du, sattel mir mein Pferd,
Wir wollen zur Weissenburg reiten,
Es ist nun Reitens werth.
»Gott grüs euch Adelheid schöne,
Wünsch euch ein guten Tag:
Wo ist eur edler Herre,
Mit dem ich kämpfen mag?«
Die Frau lenkt ihren Herren,
Im Schein falsches Gemüths,
Er reitet Nachts ganz späte
Mit Hunden nach dem Ried.
Da Ludewig unter die Linde kam,
Ja unter die Linde so grün,
Da kam der Herr von der Weissenburg
Mit seinen Winden so kühn.
»Willkommen Herr von der Weissenburg,
Gott geb euch guten Muth,
Ihr sollt nicht länger leben,
Denn heut diesen halben Tag.«
»Soll ich nicht länger leben,
Denn diesen halben Tag,
So klag ichs Christo vom Himmel,
Der all Ding wenden mag.«
Sie kamen hart zusammen,
Mit Wort und Zorn so groß,
Daß einer zu dem andern
Sein Armbrust abe schoß.
Er sprach zu seinem Knechte:
»Nun spann dein Armbrust ein,
Und schieß den Herrn von der Weissenburg
Zur linken Seiten ein.«
»Warum soll ich ihn schießen,
Und morden auf dem Plan,
Hat er mir doch sein Lebelang,
Noch nie kein Leid gethan.«
Da nahm Ludewig den Jägerspieß
Selber in seine Hand,
Durchrannt‘ den Pfalzgraf Friederich,
Unter der Linden zur Hand.
Er sprach zu seinem Knechte:
»Reiten wir zur Weissenburg,
Da sind wir wohl gehalten,
Nach unserm Herz und Muth.«
Da er nun gegen die Weissenburg kam,
Wohl unter das hohe Haus,
Da sah die falsche Fraue,
Mit Freuden zum Fenster aus.
»Gott grüs euch, edle Fraue,
Bescher euch Glück und Heil,
Eur Will, der ist ergangen,
Todt habt ihr euren Gemahl.«
»Ist denn mein Will ergangen,
Mein edler Herre todt,
So will ichs nicht eher glauben,
Ich seh denn sein Blut so roth.«
Er zog aus seiner Scheiden,
Ein Schwerdt von Blut so roth;
»Sieh da, du edle Fraue,
Ein Zeichen von seinem Tod.«
Sie rang ihr weisse Hände,
Rauft aus ihr gelbes Haar:
»Hülfreicher Christ vom Himmel,
Was hab ich nun gethan!«
Sie zog von ihrem Finger,
Ein Ringelein von Gold:
»Nimm hin, du Ludewig Buhle,
Gedenk da meiner Huld.«
»Was soll mir doch das Fingerlein,
Das veracht gewonnen Gold,
Wenn ich daran gedenke,
Mein Herz wird nimmer hold.«
Des erschrack die Frau von der Weissenburg,
Faßt einen traurigen Muth:
»Verlaß mich holder Fürste nicht,
Mein edler Herr ist todt.«