Amalaberga von Thüringen

Die Episode vom halb gedeckten Tisch markiert in der Überlieferung den psychologischen Wendepunkt, der den Untergang des Thüringerreichs einleitete. Historisch betrachtet spiegelt sie die realen Machtkämpfe zwischen den Söhnen des Königs Bisinus – Hermenfried, Baderich und Berthar – wider, die das Reich im frühen 6. Jahrhundert unter sich aufgeteilt hatten. Die Erzählung dient dazu, den darauffolgenden Bruderkrieg moralisch zu begründen: Amalaberga, die als machtbewusste Nichte des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen eine Schlüsselrolle spielte, wird hier zur personifizierten Hybris stilisiert. Ihr Vorwurf, ein nur hälftig regierender König verdiene auch nur eine halbe Tafel, ist ein tiefgreifendes Symbol für den unbändigen Machtanspruch jener Zeit, der familiäre Bindungen den politischen Zielen unterordnete.

In der Geschichtsschreibung, insbesondere bei den fränkischen Chronisten wie Gregor von Tours, erfüllt dieses Motiv einen klaren Zweck: Es legitimiert den späteren fränkischen Einmarsch. Indem Amalaberga als ränkesüchtige Antreiberin des Brudermords dargestellt wird, erscheint das Thüringer Königshaus als moralisch verfallen und innerlich zerrissen. Der darauffolgende Bruderkrieg, in dem Hermenfried mit Hilfe der Franken erst Berthar und schließlich Baderich ausschaltete, schwächte das Reich so massiv, dass es der späteren fränkischen Expansion keinen Widerstand mehr leisten konnte (mehr dazu in der Saga von Iring). So verbindet der fließende Übergang von der privaten Beleidigung bei Tisch zum blutigen Schlachtfeld die menschliche Leidenschaft mit dem harten Schicksal eines Volkes und macht die komplexe politische Instabilität des Thüringerreichs zu einer zeitlosen Sage über Hochmut und Fall.

Die Sage der Amalaberga von Thüringen im Original (Begrüder Grimm)

In Thüringen herrschten drei Brüder, Baderich, Hermenfried und Berthar. Den jüngsten tötete Hermenfried auf Anstiften seiner Gemahlin Amalaberga, einer Tochter Theodorichs von Franken. Darauf ruhte sie nicht, sondern reizte ihn, auch den ältesten wegzuräumen, und soll auf folgende listige Weise den Bruderkrieg erweckt haben: Als ihr Gemahl eines Tages zum Mahl kam, war der Tisch nur halb gedeckt. Hermenfried fragte, was dies zu bedeuten hätte. »Wer nur ein halbes Königreich besitzt«, sprach sie, »der muß sich auch mit einer halb gedeckten Tafel begnügen.«

Das weitere Leben der Amalaberga

Nach dem vernichtenden Sieg der Franken und Sachsen an der Unstrut im Jahr 531 nahm das Leben der Amalaberga eine dramatische Wendung, die sie weit weg von den Trümmern Thüringens führte. Während ihr Ehemann Hermenfried der Legende nach heimtückisch ermordet wurde, gelang ihr die Flucht.

Amalaberga floh zunächst mit ihren Kindern, darunter ihr Sohn Amalfrid, zu ihrem Bruder Theodahad in das Ostgotenreich nach Italien. Sie hoffte dort auf Schutz, da sie als Nichte Theoderichs des Großen zur höchsten gotischen Aristokratie gehörte. Doch ihre Sicherheit war nur von kurzer Dauer, da das Ostgotenreich selbst unter den Angriffen des Oströmischen Reiches (Byzanz) unter Kaiser Justinian I. zu wanken begann. Im Jahr 540 fiel die ostgotische Hauptstadt Ravenna an den oströmischen Feldherrn Belisar. Amalaberga wurde zusammen mit der gotischen Königsfamilie gefangen genommen und als wertvolle Geisel nach Konstantinopel geführt.

Dort endete ihr Weg als „politische Trophäe“:

  • Exil am Kaiserhof: Sie verbrachte den Rest ihres Lebens in der byzantinischen Hauptstadt. Dort wurde sie ehrenvoll, aber unter ständiger Kontrolle gehalten.
  • Die Rolle ihres Sohnes: Ihr Sohn Amalfrid schlug eine Karriere im oströmischen Militär ein und stieg zum kaiserlichen Feldherrn auf. Dies verdeutlicht, wie die einstige thüringische Herrschaftslinie vollständig in die byzantinische Welt integriert wurde.
  • Historisches Verschwinden: Über ihr genaues Todesdatum gibt es keine gesicherten Aufzeichnungen. Sie verschwand aus den Chroniken, ein Schicksal, das viele entthronte Herrscherinnen jener Zeit teilten.

Amalaberga, die einst als stolze Königin den Bruderkrieg in Thüringen anstiftete, endete als Exilantin am Bosporus. Ihr Schicksal markiert das endgültige Ende des eigenständigen thüringischen Königshauses und den Übergang ihrer Nachkommen in den Dienst fremder Mächte.

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