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Die Erzählung über Childerich I. und die thüringische Prinzessin Basina stellt eine faszinierende Mischung aus belegbarer Geschichte und politischer Mythenbildung des Frühmittelalters dar. Wenn man die Sage auf ihren historischen Kern hin untersucht, stößt man auf eine Zeit des Umbruchs im 5. Jahrhundert, in der das römische Gallien langsam in die Hände der fränkischen Kleinkönige überging.
Der gesicherte historische Kern
Die Hauptfiguren dieser Geschichte sind zweifelsfrei historisch. Childerich I. regierte etwa von 457 bis 481 oder 482 nach Christus als Kleinkönig der Salfranken. Seine historische Existenz wurde im Jahr 1653 eindrucksvoll bestätigt, als man in Tournai sein Grab entdeckte. Darin fand man neben einer großen Menge Gold und kostbarer Waffen auch einen Siegelring mit der Aufschrift Childirici Regis, was ihn eindeutig als einen mächtigen Kriegsherrn und Verbündeten Roms ausweist.
Auch sein Gegenspieler Aegidius ist historisch belegt. Er war ein römischer Feldherr (Magister militum), der nach dem Zusammenbruch der Zentralmacht in Italien ein gallo-römisches Sonderreich von Soissons aus beherrschte. Dass die Franken ihn zeitweise als Anführer akzeptierten oder er sie militärisch unterwarf, gilt in der Forschung als sehr plausibel, da die Machtverhältnisse zwischen Franken und Römern in dieser Übergangsphase fließend waren.
Zwischen Exil und Legende
Die Episode von Childerichs Flucht nach Thüringen findet sich erstmals beim Chronisten Gregor von Tours im späten 6. Jahrhundert. Es ist historisch durchaus wahrscheinlich, dass Childerich aufgrund innerer Unruhen oder militärischer Niederlagen gegen Aegidius zu den Thüringern floh, die damals eine bedeutende Macht im Osten darstellten. Die Gestalt der Basina ist ebenfalls historisch greifbar: Sie war die Mutter von Chlodwig I., dem eigentlichen Begründer des Frankenreiches. Dass sie eine thüringische Adlige war, die ihren ersten Ehemann verließ, um sich dem aufstrebenden Childerich anzuschließen, wird von den frühen Quellen einhellig berichtet, auch wenn die romantische Ausgestaltung dieser Flucht sicher legendäre Züge trägt.
Literarische Motive und politische Symbolik
Völlig im Bereich der Sage bewegen sich hingegen die Details der Rückkehr und die prophetischen Visionen. Das Motiv des geteilten Goldrings ist ein klassisches Erzählelement, das in der Literatur oft genutzt wird, um die Treue zwischen einem vertriebenen Herrscher und seinem verbliebenen Gefolgsmann (hier Winomadus) zu versinnbildlichen. Es gibt dafür keine zeitgenössischen Beweise; es diente vielmehr dazu, die Rückkehr des Königs als eine fast zwangsläufige, schicksalhafte Heimkehr darzustellen.
Besonders deutlich wird die politische Absicht bei der Vision der wilden Tiere. Diese Geschichte wurde erst Generationen später niedergeschrieben, als die Merowinger-Dynastie bereits ihren Zenit überschritten hatte. Die Tiere – vom stolzen Löwen (Chlodwig) über die raubgierigen Wölfe (seine zerstrittenen Söhne) bis hin zu den feigen Hunden – sind eine nachträgliche Deutung der fränkischen Geschichte. Die Chronisten nutzten diese Prophezeiung, um den Aufstieg und den späteren Verfall des Herrscherhauses als göttliche oder schicksalhafte Vorsehung zu legitimieren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Text einen realen Machtkampf des 5. Jahrhunderts beschreibt, der jedoch mit den Mitteln der germanischen Heldensage und der christlichen Geschichtsdeutung ausgeschmückt wurde, um die Merowinger als ein gottgewolltes und besonderes Geschlecht zu verankern.
Die originale Sage von Childerich und Basina (Gebrüder Grimm)
Childerich, Merowigs Sohn, hub an übel zu regieren und die Töchter der Edeln zu mißbrauchen; da warfen ihn die Franken vom Thron herab. Landflüchtig wandte er sich zu Bissinus, König der Thüringer, und fand bei ihm Schutz und ehrenvollen Aufenthalt lange Zeit hindurch. Er hatte aber unter den edelsten Franken einen vertrauten Freund gehabt, Winomadus mit Namen, der ihm, als er noch regierte, in allen Dingen riet und beistand. Dieser war auch zur Zeit, da der König aus dem Reiche vertrieben wurde, der Meinung gewesen, Childerich müsse sich notwendig entfernen und erwarten, daß sich allmählich sein übler Ruf in der Abwesenheit mindere; wogegen er sorgsam die Gemüter der Franken stets erforschen und wieder zu ihm hinlenken wolle. Zugleich nahm Winomad seinen Ring und teilte ihn in zwei Hälften, die eine gab er dem König und sprach: »Wenn ich dir die andere sende und beide Teile ineinanderpassen, so soll es dir ein Zeichen sein, daß dir die Franken wieder versöhnt sind, und dann säume nicht, in dein Vaterland zurückzukehren.«
Unterdessen wählten sich die Franken Ägidius, den Römer, zu ihrem König. Winomadus verstellte sein Herz und wurde bald dessen Vertrauter. Darauf beredete er ihn, nicht nur das Volk mit schweren Abgaben zu belasten, sondern selbst einige der Mächtigsten im Lande hinzurichten; dazu wählte aber Winomad klüglich gerade Childerichs Feinde aus. Die Franken wurden durch solche Grausamkeiten bald von Ägidius abgewandt, und es kam dahin, daß sie bereuten, ihren eingeborenen Herrn verwiesen zu haben.
Da sandte Winomad einen Boten mit dem halben Goldring nach Thüringen ab, von woher Childerich schnell wiederkehrte, sich allerwärts Volk sammelte und den Ägidius überwand.
Wie nun der König in Ruhe sein Reich beherrschte, machte sich Basina, des thüringischen Königs Bissinus Weib, auf, verließ ihren Gemahl und zog zu Childerich, mit dem sie, als er sich dort aufhielt, in vertrauter Liebe gelebt hatte. Dem Childerich sagte sie, kein Hindernis und keine Beschwerde habe sie abhalten können, ihn aufzusuchen; denn sie vermöge keinen Würdigern in der ganzen Welt zu finden als ihn. Childerich aber, der Wohltat, die ihm Bissinus erwiesen, vergessen, weil er ein Heide war, nahm Basina bei Lebzeiten ihres ersten Gemahls zur Ehe. In der Hochzeitnacht nun geschah es, daß Basina den König von der ehelichen Umarmung zurückwies, ihn hinaus vor die Türe der Königsburg treten und, was er da sehen werde, ihr hinterbringen hieß. Childerich folgte ihren Worten und sah vor dem Tore große wilde Tiere, Parder, Einhörner und Löwen, wandeln. Erschrocken eilte er zu seiner Gemahlin zurück und verkündigte ihr alles. Sie ermahnte ihn, ohne Sorge zu sein und zum zweitenmal hinauszugehen. Da sah der König Bären und Wölfe wandeln und hinterbrachte es der Königin, die ihn auch zum drittenmal hinaussandte. Dieses drittemal erblickte er Hunde und kleinere Tiere, die sich untereinander zerrissen. Staunend stieg er ins Ehebett zurück, erzählte alles und verlangte von seiner weisen Frau Auslegung, was diese Wunder bedeuteten. Basina hieß den König die Nacht keusch und enthaltsam zubringen, bei anbrechendem Tag solle er alles erfahren. Nach Sonnenaufgang sagte sie ihm: »Dies bezeichnet zukünftige Dinge und unsere Nachkommen. Unser erster Sohn wird mächtig und stark gleich einem Löwen oder Einhorn werden, seine Kinder raubgierig und frech wie Wölfe und Bären; deren Nachkommen und die Letzten aus unserm Geschlecht feig wie die Hunde. Aber das kleine Getier, was du gesehen hast sich untereinander zerreißen, bedeutet das Volk, welches sich nicht mehr vor dem König scheut, sondern untereinander in Haß und Torheit verfolgt. Dies ist nun die Auslegung der Gesichter, die du gehabt hast.« Childerich aber freute sich über die ausgebreitete Nachkommenschaft, die aus ihm erwachsen sollte.
Thüringen zur Zeit dieser Sage
Das Thüringerreich der Völkerwanderungszeit war zur Regierungszeit Childerichs I. eine der bedeutendsten Machtgruppen im rechtsrheinischen Germanien. Während das Weströmische Reich in Gallien zerfiel, festigten die Thüringer unter ihrer eigenen Dynastie ein Herrschaftsgebiet, das weit über die Grenzen des heutigen Freistaates hinausreichte. Es erstreckte sich von der Elbe im Osten bis tief in das Maingebiet im Süden und stellte einen stabilen Machtblock dar, der sowohl für die Franken als auch für die verbliebenen Römer ein wichtiger politischer Partner war.
An der Spitze dieses Reiches stand in der Mitte des 5. Jahrhunderts der historisch belegte König Bissinus (auch Bisinus genannt). Er ist der Herrscher, der Childerich während dessen Exils Gastfreundschaft gewährte. Bissinus war kein isolierter Stammesfürst, sondern ein europäischer Akteur, der dynastische Verbindungen zu anderen großen Häusern pflegte. Seine Machtstellung war so gefestigt, dass er es sich leisten konnte, einem vertriebenen fränkischen „Rex“ wie Childerich Asyl zu gewähren, ohne Repressalien der Franken oder des römischen Feldherrn Aegidius fürchten zu müssen.
Die Thüringer Gesellschaft jener Zeit wurde von einer kriegerischen und wohlhabenden Adelskaste dominiert. Archäologische Funde aus Prunkgräbern dieser Epoche zeigen, dass der Thüringer Adel Zugriff auf hochwertige römische Luxusgüter, Goldmünzen und erstklassige Waffen hatte. Dies unterstreicht, dass das Reich des Bissinus ein wirtschaftliches und militärisches Zentrum war. Die in der Sage erwähnte Basina, die Childerich schließlich nach Gallien folgte, stammte aus genau diesem Umfeld. Ihre Entscheidung, Bissinus zu verlassen und sich dem Franken anzuschließen, spiegelt – jenseits der romantischen Verklärung – die damals üblichen politischen Bündniswechsel zwischen den aufstrebenden germanischen Dynastien wider.
Nach dem Tod des Bissinus um das Jahr 500 wurde das Reich unter seinen Söhnen Hermanfried, Berthachar und Baderich aufgeteilt. Diese Zersplitterung leitete das Ende der thüringischen Vorherrschaft ein (siehe dazu die Sage von Amalaberga). Nur wenige Jahrzehnte nach Childerichs Tod nutzten dessen Nachkommen, die Söhne Chlodwigs, die internen Streitigkeiten der Thüringer aus und zerschlugen das Reich im Jahr 531 endgültig (mehr dazu: Iring Sage zum Ende der Thüringer). Damit endete die Ära der thüringischen Großkönige, die zur Zeit Childerichs noch die Geschicke Zentraleuropas maßgeblich mitbestimmt hatten.